Zweites Buch
Blutbad und Hinrichtung des Chalifen.
Freitags am fünfzehnten Februar begab sich Hulagu selbst in
die entvölkerte, niedergebrannte, verheerte Stadt und ordnete
auf den Ruinen derselben Feste an. Er liess den Chalifen
vorführen und sagte ihm: Du bist der Gastgeber und ich der
Gast; tische uns also auf, was du hast. Der Chalife zitterte
und hatte aus Furcht alle Besinnung verloren, so dass er die
Schlüssel zu den Schatzkisten, die er ausliefern sollte, nicht
fand. Die Kisten wurden erbrochen und er brachte huldigend dem
Sieger zweitausend Kleider und zehntausend Goldstücke nebst
vielen Juwelen und anderen Kostbarkeiten dar. Hulagu würdigte
das Geschenk keines Blickes und befahl, es unter die Emire und
die nächste Umgebung zu vertheilen. Dann herrschte er weiter:
Was über der Erde von deinen Schätzen, ist klar und offenbar;
doch nun entdecke uns auch die unterirdischen. Der Chalife gab
die unterirdische Cisterne an, bei deren Anblick sein
Urgrossvater Nassir so oft seufzte, dass er dieselbe trotz
seines Zusammenscharrens von Gold nicht damit ganz füllen,
sein Vater Mostanssir, dass er dieselbe trotz seiner
verschwenderischen Freigebigkeit nicht ganz leeren konnte.
Moteaassim's Geiz hatte den durch des Vaters Freigebigkeit
entstandenen Abgang wieder ausgefüllt. Hierauf wurde das
Frauengemach des Chalifen gezählt; es waren siebenhundert
Sklavinnen und tausend Verschnittene. Der Chalife, als er den
Zählungsbefehl vernahm, bat um Schonung dieser, selbst von
Sonne und Mond nie geschauten Schönheiten. Hulagu erlaubte
ihm, hundert auszuwählen. Mit sinkender Nacht kehrte Hulagu
aus der Stadt wieder in's Lager zurück und befahl dem
Sundschak Nujan, die Schätze des Chalifen in Besitz zu nehmen;
die seit einem halben Jahrtausend aufgehäuften Schätze wurden
rings des Herrscherzeltes aufgeschichtet; die edelsten
Wallfahrtsstätten, wie die Moschee des Chalifen, die
Grabstätte Musa's, die Grabmäler von Rossafa, wurden
geplündert; die noch übrigen Einwohner der Stadt baten durch
Scherefeddin von Meragha und Schihabeddin von Sindschar um
Schonung und Vergebung; da erging der Befehl, dass das Blutbad
und die Plünderung aufhöre, denn Bagdad sei sofort des
Padischah's Eigenthum. Hulagu zog nach einigen Tagen, der
ungesunden Luft willen, sein Lager auf einige Entfernung von
der Stadt zurück; dann liess er abermals den Chalifen in seine
Gegenwart fordern. Der Chalife sagte zum Wesir: Was ist zu
thun? „Unser Bart ist lang“, antwortete dieser in bitterer
Beziehung auf das Wort des Diwitdar's, der, als der Wesir bei
der ersten Aufforderung Hulagu's gerathen, sich mit einer
reichen Ladung von Schätzen abzufinden, dem Chalifen sagte:
„Der Wesir hat einen langen Bart“ (auf das arabische
Sprichwort hindeutend: langer Bart und kurzer Verstand). Der
Chalife bat nun den Ilchan um die Erlaubniss, sich in's Bad zu
begeben, welche ihm Hulagu unter der Begleitung von fünf
Mongolen gewährte. Ich wünschte nicht, sagte Moteaassim, die
Gesellschaft von fünf Folterengeln, und declamirte einige
Verse einer berühmten Kassidet, deren Anfang:
Wir wachten auf in einem Freudenhorte,
Voll Paradieseslust und Pracht;
Der Abend findet uns an einem Orte,
Woran wir gestern nicht gedacht.
Am selben Tage, wo Hulagu sein Lager von Bagdad zurückzog,
wurde der Chalife, in einen Teppich eingewickelt, zu Tode
gerollt und unter den Hufen der Pferde zertreten; drei seiner
Söhne und seine fünf Begleiter wurden im Dorfe Wakf
hingerichtet, und am folgenden Tage Alle die, so am
Gülwadischen Thore zurückbehalten worden waren, getödtet; der
jüngste Sohn des Chalifen, Mubarekschah, wurde der Gemahlin
Hulagu's, der Frau Oldschai, zum Geschenke gemacht, welche ihm
eine mongolische Sklavin zur Frau gab und an Nassireddin von
Tus nach Meragha sandte. Am selben Tage mit dem Chalifen wurde
der Wesir Alkami und der Staatssekretär, Vorsitzer des Diwan's,
Fachreddin von Demaghan in die Stadt gesendet und Ali Behadir,
der Steuereinnehmer, welcher das Heer während der Belagerung
mit Lebensmitteln von Baakuba aus versehen hatte, zum
Statthalter, der Emir Karakai Imadeddin von Kaswin zum Naib
(Stellvertreter des Richters) ernannt; dem Nedschmeddin Ebi
Dschaafer Amran, der den schönen Beinamen Meliki rast, d. i.
des geraden Königs, führte, wurde die Steuereinnahme über das
östliche Gebiet Bagdad's anvertraut, und dem Richter der
Richter Nisameddin Abdolmumin die Aufrechthaltung der Polizei
aufgetragen. Ilka Nujan und Kara Buka wurden mit dreitausend
Mann zur Aufräumung des Schuttes und zur Beerdigung der Todten,
zur Auferbauung der verheerten Gebäude befehligt; ein
vergeblicher Befehl, denn das alte Bagdad erstand nie wieder
in seinem vorigen Glanze; und als sechzig Jahre nach der
Eroberung der Geschichtschreiber Wassaf Bagdad besuchte, war
nicht der zehnte Theil der alten Gebäude und Bevölkerung
vorhanden; dem Ibnol Alkami aber, dessen Verrätherei die
Hauptursache des Ruins des Chalifats, und welcher nur drei
Monate die Eroberung Bagdad's überlebte, ward noch allgemein
geflucht, und an den Thoren der Moscheen und Medreseen war die
Inschrift zu lesen: Gott verfluche den, der nicht fluchet dem
Ibnol Alkami.