Zweites Buch
Demawend, Fall von Meimundis.
Die Fahnen Hulagu's flatterten nun zu Demawend, einer der
ältesten Städte Iran's, am Fusse des gleichnamigen Berges
gelegen, der ein vulkanischer, durch Erdbeben und Rauch
Verwüstungen anrichtet und androht. Hier residirte der Tyrann
Sohak, dessen Karbunkel auf der Achsel, wo ihn der Satan
geküsst, nach der Volkssage nur durch das Gehirn zweier
täglich geschlachteter Menschen gelindert werden konnte. Von
dieser Tyrannei befreite sein Volk der Schmied Gjawe, dessen
Schurzfell, an einen Spiess gestekt, die Fahne, unter welcher
sich die Völker zum Sturze des Tyrannen sammelten, vor dessen
Grimm sich die Schlachtopfer seiner Regierung bis in's Gebirge
von Kurdistan geflüchtet hatten, und der endlich selbst in's
Gebirge von Demawend verbannt ward. Alljährlich am 31. August
wird, unabhängig vom moslimischen Kalender, das Befreiungsfest
von der Regierung Sohak's zu Demawend gefeiert. Die Bewohner
der Umgegend sammeln sich, auf Pferden, Mäulern, Eseln
beritten, und ziehen unter lautem Geschrei durch das Feld,
jubelnd, dass ihre Väter dem Halloh der Tyrannei entflohen,
welche noch so schwer auf ihnen selbst lastet; Nachts werden
Feuer auf den Terrassen der Häuser angezündet und die Stadt
beleuchtet, Freudenfeuer über die Erlösung von dem Drucke
Sohak's, durch welchen die Seufzer der Unterdrückten wie
Flammen zum Himmel emporstiegen. Dieses Fest heisst das Fest
der Kurden, auf denen Sohak's Tyrannei vorzüglich lastete.
Demawend soll schon von Siamek, dem Sohne des Keiomer's, des
zweiten Herrschers der Pischdadier, gebaut worden und von
Tahmuras Diwbend, d. i. dem Diwbändiger, sollen die Diwe in
den Demawend gebannt worden sein, wo sich ihr Daseyn noch
durch Rauch und Erdbeben kund gibt. Von hier sandte Hulagu den
Schemseddin Kilegi nach Girdkjuh (dem Tigado Haithon's), um
den Befehlshaber zur Unterwürfigkeit aufzufordern, und einen
anderen Gesandten an Chuarschah, um diesen zu bringen. Hulagu
erwartete den Erfolg dieser Botschaften zu Abbasabad, in der
Nähe von Rei, der alten Hauptstadt des persischen Irak.
Chuarschah sandte seinen Sohn, einen achtjährigen Knaben,
welchen ihm aber Hulagu mit der Botschaft zurücksandte, dass,
wenn er selbst nicht kommen könne, er einen anderen Bruder
statt Schehinschah's senden möge. Chuarschah sandte seinen
Bruder Schiranschah und den Chodscha Assileddin mit
dreihundert Mann, um seine Huldigung darzubringen. Nach vier
Tagen wurden sie mit einem Diplome zurückgesendet, welches dem
Chuarschah, da er Nichts verbrochen, die Gnade des Kaan's
versicherte, wenn er seine Schlösser ausliefern wollte;
zugleich erhielt das Heer den Befehl, von allen Seiten
aufzubrechen. Köke Ilka und Tukatimur nahten sich von der
Seite von Ispidar; Chuarschah fragte: warum sie kämen, da er
zur Unterwerfung bereit; sie antworteten: es sei die
Heeresstrasse, auf der sie nach Fütterung auszögen. Hulagu
hatte sich indess gegen Thalkan gewendet, einer Stadt der
Landschaft Tocharistan, nach welcher die Mongolen von den
Byzantinern den Namen Tocharen erhielten, der noch in dem der
Mongolen Tsacharen fortlebt. Ohne einen eingefallenen
Regenstrom wäre Chuarschah schon diesen Abend am Fusse seines
Schlosses gefangen worden; acht Tage hernach, als sich das
Wetter aufgeheitert, ward Kriegsrath gehalten, ob die
Belagerung des Schlosses noch bei so weit vorgerückter
Jahreszeit zu unternehmen, oder auf's nächste Jahr zu
verschieben sei; der Wesir Seifeddin, die Generale Keitbuka
und Bukatimur stimmten für die Belagerung. Hulagu sandte
abermals Botschaft, halb drohend, halb versöhnend, einen
letzten Termin von fünf Tagen zur Uebergabe bestimmend.
Chuarschah verlor den Kopf und sandte seinen gelehrten Arzt
und Rathgeber Nassireddin von Tus mit seinem Bruder Iranschah
und seinem Sohne Turkia mit vielen Geschenken, seine
Unterwürfigkeit darzubringen; drei Tage hernach kam Chuarschah
selbst, um den Fuss des Kaan's zu küssen; er kleidete seine
Unterwerfung in die folgenden beiden, von ihm selbst
verfertigten Distichen ein:
O Schah, ich komm' an deinen Hof, gewarnt,
Bereuend Schuld, die mich bisher umgarnt.
Dein Glück hat diesen Lauf für mich genommen,
Wie wär' ich sonst, wozu wär' ich gekommen!
Hulagu sah, dass er einen unerfahrenen Jüngling vor sich
hatte; er schmeichelte ihm mit Verheissungen und bewog ihn,
alle Burgen seiner Vorfahren, deren Zahl auf hundert stieg, zu
brechen, nur Girdkjuh und Lemsir, in welchen sich die
Besatzungen noch festhielten, ausgenommen; die zu Meimundis
aufgespeicherten Schätze wurden ausgeliefert und unter die
Emire des Heeres vertheilt. Hulagu zog vor Alamut, d. i. das
Adlernest, den Hauptsitz des Grossmeisters der Assassinen, von
wo unter dem Gründer Hasan Ssabbah die Macht des Ordens wie
ein Adler aufflog. Der Befehlshaber ergab sich, nachdem er ein
Paar Tage Widerstand geleistet. Die Mongolen drangen ein,
zerbrachen die Wurfmaschinen und gaben den Einwohnern drei
Tage Frist zum Abzuge.