Zweites Buch
Die Chalifen Moktefi, Mostadhir.
Mit Moktefi, dem Sohne Kaimbiemrillah's, dem sieben und
zwanzigsten Chalifen, welcher zwanzigjährig den Thron
bestiegen, setzte sich auf denselben in Chuaresm Itsis, einer
der Emire Melekschah's, der Gründer der Dynastie der
Chuaresmschahe, die erst ein Jahrhundert später zum Gipfel der
Macht emporstieg. Itsis liess das Freitagsgebet wieder auf den
Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas, statt auf den der
Fatimiten, verrichten. Moktefi vermählte sich mit der Tochter
seines Schirmvogtes, des grossen Sultan's der Seldschuken,
Melekschah. Die Hochzeit war die glänzendste, welche Bagdad
seit der berühmten Mamun's mit der Tochter seines Wesirs Sehl
gesehen; der grosse Wesir Nisamolmülk mit zweitausend Reitern
begleitete die Braut; hundert vier und dreissig Reihen von
Kamelen (jede Reihe zu sieben) trugen den Brautschatz, in
welchem die juwelenbesetzten Pantoffeln das Hauptstück. Die
Hochzeit, sowie ein Paar Jahre hernach das Geburtsfest des
Sohnes Dschaafer aus der Frau Turkjan, wurde mit grossen
Festen gefeiert; dem letzten wohnte Melekschah in eigener
Person bei und legte bei dieser Gelegenheit den Grund der nach
seinem Namen genannten Moschee Bagdad's. Nach Verlauf eines
Jahres zertrugen sich der Chalife und die Tochter Melekschah's,
welche zu ihrem Vater nach Issfahan zurückkehrte, weil Moktefi
statt ihres Sohnes Dschaafer's den Mostadhir zum Thronerben
ernannte. Melekschah forderte, dass der Chalife die Erbfolge
an seinen Enkel Dschaafer, den Sohn Turkjan's, übertrage, und
war eben im Begriffe, ihm dieses Familiengesetz mit
gewaffneter Hand aufzuzwingen, als er vergiftet starb, was von
Bagdads Einwohnern der Wirkung des himmeldurchdringenden
Gebetes des Chalifen zugeschrieben ward. Moktefi überlebte ihn
nur drei Jahre und hatte seinen sechzehnjährigen Sohn
Mostadhir zum Nachfolger. Zwei Jahre nach seiner
Thronbesteigung ward ganz Asien durch den Schrecken der
Astronomen über den Verein der Planeten, den Saturnus
ausgenommen, im Zeichen des Fisches mit Vorhersagungen von
Sündfluth aufgelärmt, indem zur Zeit der Sündfluth alle sieben
Planeten im Fische gestanden haben sollen; wirklich schwemmte
ein Wolkenbruch das Gepäck der Pilgerkarawane fort; aber
verderblicher als diese Ueberschwemmung war die der
Kreuzfahrer, deren Fluth bald hierauf an den syrischen
Gestaden emporbrandete. Ein Comet von einer Grösse,
dessgleichen nie gesehen worden, galt als Vorzeichen des
ungeheueren Brandes, dessgleichen Bagdad noch nicht erlebt
hatte, und in welchem nebst dem Palaste des Chalifen die hohe
Schule Nisamolmülk's und die ganze Flussseite der Stadt in
Asche gelegt ward; was vom Brande übrig geblieben, zerstörte
ein Erdbeben. Brand und Erdbeben mussten den Tod
Mohammedschah's des Seldschuken und des Chalifen vorbedeutet
haben, welche bald hierauf im Zwischenraume von wenigen
Monaten starben. Es war das drittemal, dass der Tod des
Chalifen mit dem seines seldschukischen Schirmvogtes fast
zusammenfiel; Sultan Alparslan war zwei Jahre vor dem Chalifen
Kaim, Sultan Melekschah zwei Jahre vor dem Chalifen Moktefi
und jetzt Sultan Mohammed nur einige Monate vor dem Chalifen
Mostadhir gestorben, und sowohl die drei Sultane als die drei
Chalifen gehörten unter die grössten und bessten Herrscher
ihres Hauses. Mostadhir, beredt, freigebig und Schönschreiber,
machte den Bewohnern Bagdads angenehme und fröhliche Tage,
indem seine vier und zwanzigjährige Regierung im Ganzen eine
ruhige, während die siebzehnjährige seines Sohnes und
Nachfolgers Mosterschid das Gegentheil durch die
Thronnebenbuhlerschaft der beiden Seldschuken, Mahmud und
Mesud, von denen Mosterschid jenen als Oberherrn anerkennend
mit sieben, diesen nur mit zwei Ehrenkleidern bekleidete.
Mesud überzog in der Folge den Chalifen mit Krieg, belagerte
Bagdad und nahm ihn gefangen; als aber sein Oheim Sindschar
solche Verletzung der dem Oberhaupte des Islams schuldigen
Ehrfurcht hoch missbilligte, setzte er ihn in Freiheit und
ging sogar vor dessen Pferde, die Satteldecke desselben
tragend, einher. Ein Feuerregen zu Mossul und fliegender
Skorpionen zu Bagdad, an deren Bissen Viele starben, gingen
dem gewaltsamen Tode des Chalifen voraus, der unter dem Dolche
der Assassinen fiel. Sie hatten ihn zu ihrem Opfer ausersehen,
weil er ihnen feind; ein tugendhafter Fürst, ausgezeichneter
Schönschreiber, Rechtsgelehrter und Ueberlieferer, in dessen
Gegenwart Lesungen der Ueberlieferungen gehalten worden. Unter
seiner Regierung wurden zu Hebron in einer Felsenhöhle
Leichname entdeckt, welche für die Abraham's, Isak's und
Jakob's galten, deren Gräber seitdem dort der Gegenstand
moslimischer Verehrung; und zu Bagdad fiel, was vordem und
seitdem unerhört, mannstiefer Schnee, der vierzehn Tage liegen
blieb. |