Zweites Buch
Die Chalifen Raschid und Moktefi.
Raschid, der Sohn Mosterschid's, der dreissigste Chalife,
trat keineswegs in seines Vaters und Grossvaters Fussstapfen;
wider Sultan Mesud lehnte er sich auf, indem er das
Kanzelgebet zu Bagdad, statt auf dessen Namen, auf den David's,
des Neffen Mesud's, verrichten liess. Mesud plünderte dafür
Bagdad mit solcher Raubsucht, dass den Frauen und Sklavinnen
sogar die Halsbänder und Ohrgehänge weggerissen wurden; durch
sechzehn Tage und Nächte bebte die Erde zu Bagdad, und schon
eilf Monate, nachdem er den Thron bestiegen, dessen ihn die
Richter und Rechtsgelehrten durch ein Fetwa als unfähig
erklärten, fiel er, wie sein Vater, unter Meuchlerdolch. Das
Reich war so gesunken und verarmt, dass, als Raschid's
Nachfolger, sein Vetter Moktefi, der Sohn Mostadhir's, den
Chalifenstuhl bestieg, ihm kein Einkommen blieb, als der
Ertrag seiner Privatgüter; aber auch diesen hätte er nicht
eintreiben können, wenn ihm nicht die Sklaven Mesud's dazu
verholfen hätten. Er vermählte sich mit der Schwester Sultan
Mesud's, welche ihm hunderttausend Dukaten als Heirathsgut
zubrachte; aber vierzehn Jahre hernach, als die Araber der
Wüste die ganze Pilgerkarawane plünderten und gefangen nahmen,
musste die Gemahlin des Chalifen, welche sie gefangen
behielten, um hunderttausend Dukaten losgekauft werden, so
dass das Heirathsgut als Lösegeld aufging. Hierauf sandte ihm
Sultan Sindschar, der Oheim Mesud's, den Mantel und den Stab
des Propheten, welchen Mesud, als er den Chalifen Mosterschid
gefangen genommen, dem Oheim gesandt. Moktefi hatte während
seiner vier und zwanzigjährigen Regierung mit
Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Die Naturbegebenheiten
schienen sich wider ihn verschworen zu haben, wie die Emire
Sultan Mesud's, welche Bagdad belagerten und verheerten. Ein
Erdbeben, in welchem dreissigtausend Menschen zu Grunde
gingen, verschlang die Stadt Hire, an deren Stätte schwarzes
Wasser aufquoll; in Syrien zählte man in Einer Nacht achtzig
Erdstösse; Orkane und Wolkenbrüche verheerten Kleinasien und
ein Comet zog flammend von Osten gegen Westen. Zu Bagdad
rettete sich der Chalife nackt aus den Flammen, welche den
kaum aufgebauten Palast mit der ganzen Einrichtung verzehrten.
In Arabien regnete es Blut; aber mehr noch als alle diese
Naturerscheinungen bedrängte den Chalifen der Druck seines
Schwagers Schirmvogtes Mesud; wider denselben blieb dem
Unterdrückten keine Waffe, als der himmeldurchdringende Pfeil
des Gebetes; diesem ward der gähe Tod Mesud's zugeschrieben,
durch welchen nicht nur Moktefi seines Drängers ledig, sondern
auch das nun schon dreihundert Jahre auf dem Chalifate schwer
lastende Joch türkischer Sklaverei für immer zerschlagen ward;
eine höchst günstige Begebenheit, wodurch die Chalifen wieder
ihre Unabhängigkeit genossen, welche sie seit der Einführung
der türkischen Sklaven unter Moteaassim verloren hatten. Doch
nützte ihnen dieselbe nicht viel, da das Reich zerstücket,
ihre Herrschaft nur auf das Grabmal von Bagdad und einige
Städte des arabischen Irak beschränkt war und die Macht der
Chuaresmschahe drohend emporwuchs. Indessen ist diese Epoche
doch eine sehr merkwürdige in der Geschichte des Chalifats,
welches in dem letzten Jahrhunderte seines Daseins keinen
Schirmvogt anerkannte. Moktefi selbst benützte den ersten
freien Odemzug, den ihm der Tod Mesud's gewährte, zur
Belagerung von Tekrit und einem Streifzuge wider die in der
Gegend herumziehenden Turkmanen, denen er
viermalhunderttausend Schafe und grosse Beute abnahm und damit
zu Bagdad einzog. Suleiman, der Sultan der Seldschuken Rum's,
kam nach Bagdad, um aus der Hand des Chalifen den Titel der
Herrschaft und den Befehl zur Eroberung des Gebirgslandes zu
empfangen. Das Erdbeben, das im folgenden Jahre acht Städte
der Moslimen und fünf der Franken in Syrien verheerte, war
eines der schrecklichsten; die Einwohner Hamid's wurden alle
erschlagen, zu Scheiser blieb nur ein Weib, zu Kefrtab keine
Seele lebendig. Zu Apamea, Himss, Maarret und Tell Hamdan
wurde die Hälfte der Einwohner verschüttet, die von Hossn
Ekrad und Arka gingen alle zu Grunde, Niemand wollte innerhalb
der Mauern bleiben, und die Uebriggebliebenen suchten Rettung
im Freien. Im folgenden Jahre verwüstete die Ueberschwemmung
des Tigris dreissigtausend Häuser von Bagdad und Hagel in der
Grösse von Hühnereiern und den seltsamsten Figuren ging dem
Tode des sechs und sechzigjährigen Chalifen voraus. |