Zweites Buch
Kadirbillah und Kaimbiemrillah.
In die vierzigjährige Regierung Kadirbillah's, des fünf und
zwanzigsten Chalifen, des Enkels Moktedir's, fällt das Ende
der Herrschaft der Beni Buje und der Beginn der Grösse der
Sultane von Ghasna, welche aber zu ferne, um unmittelbaren
Einfluss auf die Schicksale Bagdads zu nehmen.
Nichtsdestoweniger ertheilte ihnen der Chalife Ehrentitel,
indem er dem Vater Sebugtegin den der rechten Hand des Hofes
und des Intendenten des Volkes beilegte, wie die Fürsten der
Buje der Bewahrer, der Arm, der Ruhm, der Adel, das Schwert,
der Werth, die Säule und die Ehre, der Veredler, die
Erhabenheit des Reichs und des Hofs geheissen hatten; fünf und
vierzig Jahre alt, als er den Thron bestieg, füllte Kadir, d.
i. der Mächtige, denselben vierzig Jahre lang, wenn nicht mit
Macht, doch mit Anstand und Würde, war genau und eifrig in
Vollziehung der vorgeschriebenen Religionspflichten im
Gegensatze seiner Vorfahren, welche Wüstlinge und Schlemmer,
schrieb ein Buch wider die Schismatiker, welche die Lehre,
dass der Koran erschaffen, vertheidigen, welches alle Freitage
in der Moschee vorgelesen ward; nur wurde seine lange
Regierung häufig durch die blutigen Streitigkeiten der Sunni
und Schii getrübt, weil er die letzten auf Kosten der ersten
begünstigte. In dem ersten dieser Religionsaufruhre wurde der
Wesir Behaeddewlet erschlagen, weil er die Todtenfeier des
Martyrthums Husein's abstellen wollte. Neun Jahre hernach
empörten sich die Ketzer, indem sie die Einführung eines neuen
Festes, nämlich des schiitischen des Teiches, durchsetzten.
Zehn Jahre hernach, im selben, wo ein heftiges Erdbeben die
Stadt dreimal, und Hakimbiemrillah die Kirche, das heilige
Grab zu Jerusalem in Schutt verwandelte, schlugen sich die
Sunni und Schii in den Strassen von Bagdad. Neun Jahre später
wurden die Ketzer zu Wasith von den Sunni geschlagen und die
Kuppel der grossen Moschee zu Jerusalem stürzte ein. Schon im
nächsten Jahre entbrannte der Kampf zwischen ihnen umso
heftiger zu Bagdad; und abermals nach dreizehn Jahren schlugen
sie sich wegen des Festes Aaschura, d. i. des Trauerfestes
Husein's. Ausser dieser so oft wiederholten blutigen Polemik
wurde Bagdad von Zeit zu Zeit durch Diebsbanden beunruhigt, so
dass Niemand seines Eigenthums sicher. Nichtsdestoweniger
brachte es Kadir dahin, dass die Beni Okail in Syrien das
Kanzelgebet auf seinen Namen und nicht auf den der Fatimiten
verrichteten, deren angeblicher Ursprung von Ali, zu Bagdad
öffentlich in den Schulen angegriffen ward. Die
Gleichzeitigkeit Firdewsi's und Kabus Schemsolmaali's, des
Dilemiten, wie die Hamdan's, des Gründers der Beni Hamdan, und
Avicena's verherrlichte die vierzigjährige Regierung Kadir's
nicht minder, als die fünf und vierzigjährige seines Sohnes
Kaimbiemrillah's, d. i. des auf Befehl Gottes
Aufrechtstehenden, durch das Aufsteigen Toghrul's, des
Gründers der Dynastie der Seldschuken, als Beginn einer neuen
Epoche, indem die Vormundschaft der Chalifen von dem Hause
Buje in das der Seldschuken überging. Toghrul, von dem
Chalifen um Schutz wider den übermächtigen Türken Besasiri
angefleht, gewährte denselben, aber gegen die Belehnung mit
der Herrschaft des Ostens und Westens mittels zweier
Kopfbünde, zweier Schwerter, sieben Fahnen und sieben
nacheinander angelegter Ehrenkleider, während der Chalife auf
sieben Ellen hohem Throne sass. Der Chalife vermählte sich mit
der Nichte Toghrul's und dieser nahm die Tochter des Chalifen
zur Frau, starb aber vor Vollzug der Hochzeit siebzigjährig.
Zwei Kometen, Erdbeben, Hungersnoth, Meeresebbe und
Ueberschwemmungen verkündeten und begleiteten diesen neuen
Umschwung der Herrschaft des Ostens und Westens. In Aegypten
und Palästina spie die Erde Wasser, das Meer zog sich auf
einen Tag weit von den Gestaden zurück und verschlang in
unvermutheter Rückkehr die, welche in seinen aufgedeckten
Tiefen nach Schätzen suchten. Die Hungersnoth in Aegypten war
so gross, dass seit des ägyptischen Joseph's Zeit keine
grössere gedacht ward und die Stärkeren die Schwächeren ohne
Scheu auffrassen; durch zwei Ueberschwemmungen des Tigris
wurden über hunderttausend Häuser verwüstet. Solche Zeichen
mussten die Herrschaft der Türken über Vorderasien verkünden;
aber ausserdem ward Bagdad noch durch Diebesbanden und die
Religionskämpfe der Sunni und Schii verwüstet; diese fügten
zum Gebetsaufruf die Formel: Auf! zu guten Werken bei und
schrieben auf ihre Bollwerke: Mohammed und Ali sind die
bessten der Geschöpfe; wer vollzieht, ist dankbar, wer sich
dessen weigert, undankbar; die Sunni widersetzten sich; die
Grabmäler der Imame Musa und Takki wurden ihrer goldenen
Leuchter und Lampen beraubt, die Schreine aus Ebenholz
angezündet; sie verbrannten auch die Grabdome des Chalifen
Emin und seiner Mutter Sobeide, die der Bujiden Mois und
Dschelaleddewlet; die Moscheen der Hanefiten wurden von den
Schiiten geplündert. Sie unterliessen dafür das Kanzelgebet
für den Chalifen, weil er sie zu schützen nicht im Stande,
nicht Chalife und Imam zu heissen verdiene. Doch hatte er vor
seinem Ende den Trost, dass der Scherif von Mekka das
Kanzelgebet nicht mehr auf den Namen der Fatimiten, sondern
auf den der Beni Abbas verrichtete; und unter seiner Regierung
erhob sich zu Bagdad die erste, vom grossen Wesire
Melekschah's von Nisameddin gestiftete hohe Schule Nisamije. |