Zweites Buch
Die Städte Tun und Tus.
Hulagu sandte den Herrn von Herat, Schemseddin Kert, an den
Gebietiger des Schlosses Sertacht, an Nassireddin, dessen Name
durch den grossen Astronomen Nassireddin von Tus, welcher
seine demselben gewidmete berühmte Ethik nach dessen Namen die
Nassirische Moral betitelte, rühmlich fortlebt. Der Gebietiger
übergab das Schloss und kam mit Melik Kert zur Huldigung
Hulagu's. Dieser fragte ihn: warum er nicht auch die Bewohner
des Schlosses mit sich geführt? Nassir entgegnete, dass diese
dem Grossmeister Chorschah und nicht ihm gehorchten. Hulagu
liess ihm Diplom und das Ehrenzeichen des Löwenkopfs geben und
sandte ihn als Befehlshaber nach Tun. Tun, eine der
vorzüglichsten Städte Kuhistan's, zwei Tagreisen südlich von
Meschhed auf der Strasse von Kerman, nicht ferne von Kain,
zeichnet sich durch besondere Anlage der Häuser und Gärten
aus, indem das Schloss mit tiefem Graben, ausser welchem der
Markt und die Häuser mit Gärten und diese von Saatfeldern und
die Felder mit Mauern umgeben, das Ganze mit unterirdischen
Wasserleitungen und mit Gruben durchschnitten, in welchen
Wassermelonen trefflich gedeihen. Hulagu, nach Sawa und
Chawwaf vorgerückt, erlitt einigen Verlust; Kuli Ilkai und
Keitbuka wurden weiter an die Gränze von Kuhistan
vorausgesandt, wo sie einigen Widerstand fanden, aber binnen
einer Woche denselben besiegten, und dann vor Tun die
Wurfmaschinen aufpflanzten; in zwölf Tagen war die Stadt
erobert, und sie kehrten sogleich zu Hulagu zurück, der sich
zu Tus befand. Tus, eine der ältesten Städte Chorasan's, schon
im Beginne des neunten Jahrhunderts der christlichen
Zeitrechnung durch die Grabstätte des Chalifen Harun Reschid
nur um neun Jahre später durch die Ali Ben Musa Risa's des
achten Imam's, zwei Jahrhunderte hernach durch die des
grössten persischen ethischen Dichters Firdewsi, als der
Geburtsort Ghasali's des grossen Philosophen, Nassireddin's
des grossen Astronomen und Hamdallah Mestufi's des grossen
Geographen und Geschichtschreibers, verherrlicht. Dieser
belehrt uns, dass die Stadt schon von Dschemschid gebaut, nach
ihrer Verwüstung von Tus, dem Sohne Nuser's, wieder aufgebaut,
von ihm den Namen erhalten; dass das Grabmal Ali Musas, vier
Farasangen von Tus im Dorfe des Distrikts Sebanabad, der um
dasselbe angebauten Stadt den heutigen Namen Meschhed gegeben;
folglich sind die Ruinen des alten Tus vier Farasangen vom
heutigen Meschhed, das schon mehrere Reisende besucht, keiner
so umständlich beschrieben, als Fraser. Meschhed, der
Geburtsort und die Grabstätte so vieler der grössten Lichter
Persiens, ist heute, was ehemals Bochara war, der Sammelplatz
der Gelehrten; von einigen und zwanzig Tausend Einwohnern der
Stadt sind die zahlreichsten die Imame, Molla, Muderrise
(Professoren) und Danischmende (Studenten), welche den
verschiedenen Moscheen, Medreseen, Grabstätten und Domen
angehören. Das Innere einer Medrese gleicht einem Karawanserai,
nur mit Abwesenheit der Stallgewölbe; dem Eingange in die
Mitte der Nord- oder Nordostseite steht in der Mitte der Süd-
oder Südostseite eine gewölbte Nische entgegen, welche die
Kibla vorstellt und wohin sich alle Gesichter beim Gebete
wenden; in der Mitte der beiden Seitenwände sind Balcone, von
Säulen getragen, für die Wohnungen der höheren Molla, in der
Mitte des Hofes ein kleiner Garten und im Mittelpunkte
desselben ein Wasserbecken. Die grosse Moschee von Meschhed,
welche das Grab Ali Risa's umschliesst, ist hundert fünf und
sechzig Klafter lang und fünf und zwanzig breit, in der Art
eines Karawanserai, mit zwei Stock hohen, rings herum
laufenden Gemächern gebaut, im Mittel und an den Ecken jeder
Seite hochgewölbte Thore, das Ganze mit glasirten vielfarbigen
Ziegeln auf das Geschmackvollste bekleidet; dieser herrliche
Hof heisst Ssahn, d. i. das Feld, wie der Vorhof der grossen
Moscheen zu Konstantinopel, wesshalb die dort an der Moschee
Mohammed's II. angestellten Professoren der acht Medreseen die
Achter vom Felde genannt werden. Der Dom des Mausoleums, mit
goldenen Ziegeln bedeckt, rings herum mit goldenen Inschriften
in lazurblauem Felde geschmückt, die Schafte der beiden
Minarete reich vergoldet und oben mit zierlich geschnitzten
hölzernen Gallerien gekrönt. Von diesen herrlichen, erst unter
der Dynastie der Ssefi errichteten Gebäuden bestand noch
Nichts zur Zeit Hulagu's, wohl aber waren die Grabstätten der
grossen Chalifen Imam's und Dichter ein Gegenstand der
Verehrung der Wallfahrter; noch sind die Mauern von Tus mit
ihren Thürmen aus Lehmen sichtbar und ausser den obgenannten
Grabmälern grosser Männer wird noch das Grab Burk Eswed's
besucht, welcher nach der Volkssage ein Neger, Freund des
Herrn Jesus gewesen, nach dessen Tode hierher geflohen, hier
gestorben und bestattet worden sein soll. |