Zweites Buch
Gesandtschaften an Hulagu; Alkami's Tod; Bibliothekenruin.
Von Hille, das der Sitz der Seide, Prophetenverwandten,
hatte der Vorsteher derselben, Medschdeddin Mohammed Ibnol
Hasan Ben Taus (das erste Viertel dieses viertheiligen langen
Namens heisst Glaubensruhm, das letzte Pfauensohn) durch einen
Gesandten ein Schreiben unterwürfigen Inhalts an Hulagu
gesandt. Dieser entgegnete ihnen Diplom und Geschenke durch
Tekele und Ali von Nachdschiwan, welcher als Gesandter, der
Emir Alaeddin der Perser als Statthalter nach Hille gingen.
Ihnen folgte auf dem Fusse Buka Timur, der Bruder der Frau
Oldschai, um sich Hille's, Wasith's und Kufa's zu
bemächtigen. Die Bewohner Hille's kamen ihm freundlich
entgegen und erleichterten seinen Marsch, indem sie Brücken
über den Euphrat schlugen. Von den Bewohnern Wasith's, das
sich nicht unterwarf, wurden vierzigtausend niedergemetzelt.
Von Wasith zog Buka Timur gegen Chusistan, den Schereffeddin
Ibnol-Dschewsi mit sich führend, um durch denselben die
Einwohner der Stadt Schuster zur Uebergabe zu bereden. Bassra
und die Umgegend unterwarf sich gutwillig, der Emir Seifeddin,
der Bitekdschi, erbat sich hundert Mongolen als
Sicherheitswache für die Grabstätte Ali's zu Nedschef; nach
Verlauf von fünf Wochen war Buka Timur im Lager zurück. Ein
Monat nach der Eroberung Bagdad's wurden die Gesandten des
Fürsten der Ejubiden zu Haleb mit einem von Nassireddin von
Tus aufgesetzten arabischen Schreiben zurückgefertigt; es
lautete: „Wir haben gelagert vor Bagdad im Jahre sechshundert
sechs und fünfzig und übel tagte der Morgen über die Bewohner,
und wir luden den Besitzer ein; er weigerte sich; da ward an
ihm das Wort erfüllt, und wir nahmen ihn gefangen. Wir laden
dich ein zu Unserem Gehorsam; wenn du denselben verweigerst,
ist's dein Verderben. Sei nicht wie der, der sich streitet um
ein Aas, denn der Listige verliert, er weiss nicht was, sonst
wirst du seyn von den Verworfenen, welche ihren Fleiss auf das
irdische Leben wenden an, und die da wähnen, sie hätten Etwas
für's Künftige gethan; Heil dem, der wahrer Leitung folgt!“
Hulagu befand sich in der zweiten Hälfte Aprils wieder bei
seinem schweren Gepäcke zu Hamadan, wo er seine Gesundheit
pflegte, da er unwohl. Fünf Tage später erschienen Ilka und
die anderen Emire zur Aufwartung; sechs Wochen hernach starb
Moejeddin Ibnol Alkami, welcher wenigstens dem Namen nach die
Wesirschaft von Bagdad beibehalten hatte; nach dessen Tode
erhielt dieselbe sein Sohn Scherefeddin. Wiewohl der Name
Ibnol Alkami's nichts anderes als der eines Verräthers
auf den Zungen der glaubwürdigsten Geschichtschreiber, so
erfordert es doch unsere Pflicht, als solcher auch des
Ehrenvollen zu erwähnen, was eine andere, freilich nicht sehr
glaubwürdige Quelle von demselben meldet. Der Verfasser des
Sittenspiegels der Herrschaft, welcher sich im Seltsamen zu
gefallen scheint, sucht ihn von aller Schuld der Verrätherei
rein zu waschen, indem er den schlechten Ruf desselben einzig
als Verläumdung und aus dem Hasse und Neide der nächsten
Umgebungen des Chalifen, welcher ihm sein ganzes Vertrauen
geschenkt, zu erklären bemüht ist; dass er des Vertrauens des
Chalifen nicht ausschliesslich genoss, erhellt schon aus dem,
dass sein Rath von dem seines Gegners, des Diwitdar's,
überflügelt worden, und dass ihm Hulagu nach Bagdad's
Eroberung den Titel der Wesirschaft liess, beweiset
keineswegs, dass er kein Verräther. Wassaf, welcher ein halbes
Jahrhundert darauf seine Geschichte schrieb, bestätigt die
Worte Reschideddin's, seines Zeitgenossen, und entkräftet das
angebliche Vertrauen, das jenem Sittenspiegel zufolge Hulagu
in ihn gesetzt haben soll, durch das, was er bei dieser
Gelegenheit über die löbliche Sitte mongolischer Herrscher
sagt: die Verrätherei und Anschwärzerei zwar zu ihrem
Vortheile zu benützen, aber den Verräther und Anschwärzer zu
verachten; seiner Verrätherei aus Niederträchtigkeit und
Leidenschaftlichkeit ungeachtet, kann Ibnol Alkami sehr wohl
ein gebildeter, selbst gelehrter Wesir, grosser Gönner und
Freund der Gelehrten gewesen sein, der eine Bibliothek von
zehntausend Bänden besass, deren viele ihm gewidmet waren;
selbst der grosse Gelehrte Nassireddin erscheint in nicht viel
besserem Lichte, indem ihn gekränkte Eitelkeit zur Rache an
dem Chalifen durch den Ruin des Chalifats anspornte, und so
stehen der gelehrte Wesir und der gelehrte Astronom leider
beide von Seite ihres Charakters und ihrer politischen
Grundsätze in höchst ungünstigem Lichte vor den Augen der
Nachwelt. Die zehntausend Bände der Bibliothek Ibn Alkami's
wurden, wie die der anderen Bibliotheken Bagdad's, von den
Mongolen entweder in den Tigris geworfen oder verbrannt;
binnen zwei Jahren der dritte grosse, für Bibliotheken
verderbliche Brand, in welchem zu Alamut, Medina und Bagdad
die Werke östlicher Weisheit, welche die Welt erleuchten
sollten, ein Raub der Flammen. Durch diesen dreifachen
Bibliothekenbrand binnen zwei Jahren ging nur zu sehr in
leidige Erfüllung die Vorbedeutung des um zwei Jahre früheren
Brandes der arabischen Wüste. |