Zweites Buch
Irbil's grosser, wohlthätiger Fürst; das persische
Königstein; die Sternwarte von Meragha.
Nach Bagdad's Eroberung befehligte Hulagu den Oroktu Nujan
zur Eroberung Irbil's, der zwischen dem grossen und kleinen
Sab, zwei Tagreisen von Mossul gelegenen Hauptstadt des oberen
Kurdistan's, welches durch die Bauten des erst vor acht und
zwanzig Jahren verstorbenen turkmanischen Fürsten Kewkebusi
Ben Ebul Hasan Ali damals eine der blühendsten Städte des
persischen Irak. Dieser edle Fürst, von welchem die
europäischen Geschichtschreiber bisher nicht die geringste
Kunde genommen, ist einer der wohlthätigsten des Islams und
verdient als solcher sehr wohl seinen doppelten Ehrennamen
Melik Moaasem Mosaffereddin, d. i. des grossgeehrten, durch
die Religion siegreichen Königs. Täglich speiste er Arme und
kleidete sie im Winter; alljährlich sandte er Commissäre in
die Häfen, um Gefangene auszulösen, und nach Mekka, um die
Pilgerkarawane mit Speise und Trank zu versehen. Zu Mekka
führte er die erste Wasserleitung vom Aarafat und baute
mehrere Wasserbehälter, zu Irbil gründete er ein Dutzend
wohlthätiger Anstalten, mehrere solche, von denen weder vordem
noch seitdem im Islam gehört worden; nämlich: ein Haus für
Findelkinder, eine Anstalt für Ammen und Säuglinge, eine
Versorgungsanstalt für Wittwen, ein gemeines Krankenhaus, ein
besonderes Spital für Blinde, ein Karawanserai, in welchem die
Reisenden nicht nur umsonst bewirthet, sondern auch noch
ausserdem mit Reisegeld versehen wurden, ein Kloster, eine
Medrese, an welcher Muderrise für die beiden Ritus Hanefi und
Schafii, und endlich eine Moschee, an welcher alljährlich das
Fest der Geburt des Propheten mit einer Pracht und einem
Zulaufe von Menschen begangen ward, wie vordem und seitdem
nirgends. Von Mossul, Sindschar, Dschesire, Nissibin strömten
die Besucher, Prediger, Redner, Dichter, Koranleser, Ssofi
nach Irbil; einen ganzen Monat vor dem Feste waren zwischen
der Moschee und dem Kloster zwanzig, drei Stock hohe Dome aus
Brettern aufgeschlagen, von deren Gallerien Dichter
declamirten, Redner sprachen, Schattenspieler die Zuschauer
unterhielten. Täglich nach dem Nachmittagsgebete begab sich
Mosaffereddin zu diesen Domen, wohnte in der Nacht im Kloster
dem Reigen der Ssofi bei und ging nach dem Morgengebete auf
die Jagd. Am Geburtsfeste selbst ward eine unzählbare Menge
von Kameelen, Rindern, Schafen unter Musik auf den Platz
gebracht, geschlachtet, gesotten und gebraten, während der
Nacht die Stadt erleuchtet und am folgenden Tage die Gäste an
zwei grossen Tafeln, deren eine für die Vornehmen, die andere
für das Volk, bewirthet; im Schlosse walzten die Derwische,
von den Gallerien wurden die Hymnen des Gebets abgesungen, die
Sänger, Prediger und Derwische reichlich beschenkt.
Mosaffereddin wurde in der Nähe von Kufa, seine Gemahlin
Rebiaa am Berge Kasiun bei Damaskus in der von ihr gestifteten
Medrese bestattet. In keiner Schlacht besiegt, von keinem
anderen Fürsten in Stiftungen der Wohlthätigkeit übertroffen,
verdient dieser turkmanische Fürst von Irbil wohl den Namen
des durch die Religion siegreichen, grossmächtigen Königs. Das
Schloss von Irbil erhebt sich auf einem vereinzelten Berge,
während die Stadt in der Ebene. Tadscheddin, der Sohn Salaje's
(des oben erwähnten Befehlshabers des Passes von Deriteng [Engthor]),
war bereit, die Stadt zu übergeben; aber die Kurden gehorchten
ihm nicht. Oroktu begehrte Hülfstruppen von Bedreddin Lulu,
dem Fürsten Mossul's, der sie ihm auch sandte und den guten
Rath ertheilte, den Sommer abzuwarten, weil dann die Kurden
nicht mehr im Schlosse aushalten, den Gebirgen zueilen würden.
Oroktu übergab die Belagerung dem Bedreddin, dessen
Vorhersagung durch den Abzug der Kurden im Sommer erfüllet
ward; er schleifte die Mauern. Hulagu schickte einen Theil der
erbeuteten Schätze mit dem Siegesberichte seines
Eroberungszuges an den Bruder Kaan, den grössten Theil
derselben aber speicherte er in dem am See Urmia auf
unbezwinglichem Felsen gelegenen Schlosse Tala (das heute
Gurtschinkalaa heisst) auf; eine vereinzelte, auf drei Seiten
unzugängliche Felsenmasse, welche den englischen Reisenden
Porter an den Königstein in Sachsen erinnerte und welche ein
Steiermärker die persische Riegersburg nennen würde. Bedreddin
Lulu, der neunzigjährige Fürst von Mossul, wartete dem
Eroberer Persiens, für den er Irbil eroberte, zu Meragha auf;
7. Schaaban ebenda Atabeg Saad, der Salghure, Herr von Fars,
und die beiden seldschukischen Prinzen von Rum, Isededdin und
Rokneddin. Hulagu war über jenen sehr ungehalten, weil er
wider Baidschu Nujan sich zu schlagen gewagt. Um den Erzürnten
zu versöhnen, stellte sich Isededdin zur Audienz mit einem
Geschenke von einem Paar Pantoffeln, deren Sohlen sein
Portrait eingestickt war, und mit der Bitte dar, dass der
Padischah auf diese Weise ihn, den Sklaven, unter den Sohlen
in den Staub tretend, adeln möge. Hulagu verzieh ihm, durch
diese Schmeichelei besänftigt und auf die Fürbitte der Frau
Tokus. Einen schönen Gegensatz zu dieser niederträchtigen
Schmeichelei des Sultans von Rum bildet die Freimüthigkeit des
Astronomen Nassireddin von Tus, welcher dem Eroberer in
Erinnerung brachte, dass, als Chuaresmschah erobernd bis
Tebris vorgedrungen, er auf die wider die Ausschweifungen
seines Heeres vorgebrachten Klagen geantwortet: Ich kam als
Welteroberer und nicht als Welterhalter; Hulagu antwortete:
Ich bin, Gott sei Dank! sowohl Welteroberer als Welterhalter
und kein Schwächling, wie Dschelaleddin von Chuaresm. Den
ersten Beweis von der Wahrheit dieses Wortes gab Hulagu durch
den Bau der Sternwarte von Meragha, deren Grund jetzt gelegt,
aber deren Bau erst unter der folgenden Regierung vollendet
ward. Vier Astronomen von Damaskus, Kaswin, Achlath und Mossul
waren die Gehilfen Nassireddin's von Tus, der an dieser
Sternwarte die ilchanischen Tafeln verfertigte, die,
vollkommener als die früheren, ein bleibendes Denkmal des
Ruhmes des Ilchans, Erbauers der Sternwarte und des an
derselben beobachtenden grossen Astronomen Nassireddin's von
Tus. |