Zweites Buch
Kaswin.
Von Alamut begab sich Hulagu in den ersten Tagen des
Januars in das grosse, sieben Farasangen von Kaswin
aufgeschlagene Lager, wo durch sieben Tage Feste gefeiert, die
Prinzen und Emire zur Aufwartung und zum Glückwunsche der
Eroberung zugelassen wurden; selbe, sowie der Astronom
Nassireddin von Tus und die beiden Söhne der zwei grossen
Aerzte von Hamadan, welche durch ihren Rath wesentlich zur
Uebergabe von Meimundis beigewirkt, wurden beehrt, beschenkt;
der Astronom und seine beiden Begleiter blieben sofort im
Gefolge Hulagu's, von demselben bei jeder Gelegenheit ihrer
Kenntnisse willen ausgezeichnet. Dem Chuarschah ward ein
mongolisches Mädchen angetraut und die Hochzeit zu Kaswin mit
Festen gefeiert. Hulagu behandelte ihn mit Schonung, um von
ihm die nöthigen Befehle an die Gebietiger der Schlösser in
Syrien zu erhalten, dass sie dieselben bei Ankunft des
mongolischen Heeres demselben ungesäumt übergeben möchten.
Nachdem er diesen Befehl von ihm erhalten, sandte ihn Hulagu
als Trophee an den Hof des Kaan's Mengku. Als dieser die
Nachricht erhielt, dass Chuarschah sich nahe, sagte er: Wozu
schickt man ihn? und sandte ihm als Willkomm den Todesbefehl
entgegen. Er wurde getödtet und hierauf seine ganze Familie,
Weiber, Brüder und Söhne zu Kaswin niedergemacht. So hatte die
blutige Dynastie der persischen Ismailije, d. i. der
Assassinen, nach hundert und sieben und siebzig Mondjahren ihr
Ende erreicht, und der Dolch des Meuchlers ward durch das
Schwert des Mongolen gebrochen. Hulagu hielt sich einige Zeit
zu Kaswin auf, wo er im Bade Moslim's badete. Hamdallah von
Kaswin, der Geschichtschreiber und Geograph Persiens, erwähnt
in seiner auserwählten Geschichte dieses Besuchs als einer der
merkwürdigsten Epochen der Geschichte seiner Vaterstadt, die
von nun an eine der Hauptstädte des mongolischen Reichs in
Persien und daher unter dem Geleite Hamdallah's näherer
Bekanntschaft werth. Zuerst baute Schabur hier eine Stadt,
welche seinen Namen trug, als Feste wider die Dilemiten, die
feindliches Nachbaren im Norden. Bei einem denselben hier
gelieferten Treffen, als die Schlachtordnung der Perser auf
einer Seite in Verwirrung gerieth, soll der Chosroes seinem
Feldherrn zugerufen haben: an kesch win, d. i. jenen Winkel
schau, und nach erfochtenem Siege zum Andenken desselben die
Stadt erbaut haben, welcher sofort der Namen Keschwin, d. i.
Winkel schau, blieb, das heutige Kaswin. Der Chalife aus dem
Hause Abbas Hadibillah Musa fügte eine dritte Stadt hinzu,
Mubarekabad, d. i. der gesegnete Bau, genannt; diese drei
Städte umfing der Chalife Harun Reschid mit einer Mauer,
welche den Namen Reschidabad erhielt. Der Thronprätendent
Husein Ben Said bemächtigte sich später der Stadt und
vollendete den Bau derselben. Unter der Regierung
Fachreddewlet's des Bujiden erneuerte sein berühmter Wesir
Ismail Ben Ibad die Stadt und vergrösserte dieselbe nach dem
Bau des nach ihm Ssahibabad genannten Viertels. Hierauf vom
Dilemiten Ibrahim Ben Merseban verwüstet, vom Emir Ebu Ali
Dschaaferi wieder hergestellt und vom grossen Sultan der
Seldschuken, Alparslan, erneuert, war sie jetzt durch die
Mongolen abermal verheert worden. Die Mauer, von zehntausend
dreihundert Ellen im Umfange, war mit zweihundert dreissig
Thürmen befestigt, hatte sieben Thore und umfing neun Viertel,
und sechs unterirdische Wasserleitungen, von denen die vom
Einsiedler Chumar Tekesch gebaute das besste Wasser gibt;
derselbe baute auch ein halbes Jahrhundert später die nach
seinem Namen genannte Moschee; eine andere hatte schon der
tyrannische Statthalter Hidschadsch aus einem Götzentempel in
einen Betort der Moslimen umgeschaffen. Die Schii hassen diese
Moschee, weil von ihrer Kanzel unter der Regierung der Beni
Omeije dem Ali geflucht ward. Eine noch frühere Ueberlieferung
aus dem Munde Mohammed's oder eines der vier ersten Chalifen
heisst: Ehret Kaswin, welches eine der höchsten Pforten des
Paradieses. Kaswin hat Ueberfluss an herrlichen Früchten,
besonders an Melonen, Wassermelonen und Trauben, welche für
die bessten ganz Persiens gelten; die hier verfertigten
Klingen wetteifern mit denen von Chorasan und Schiras; von den
Fabrikaten zeichnen sich die aus mannichfarbigen Tuchenden
zusammengenähten Pferddecken aus. Die Einwohner gelten für die
bessten Gesellschafter, und ein persisches bekanntes Distichon
räth dem Schah, vier Männer nur aus vier Städten seines Reichs
zu wählen; Musiker aus Chorasan, Geschäftsmänner aus Issfahan,
Krieger aus Tebris und Gesellschafter aus Kaswin. Zur
Verherrlichung des literarischen Ruhmes Kaswin's genügen die
beiden Sekretäre Kaswini, der Verfasser der Wunder der
Geschöpfe und der einzigen Perle der Seltenheiten, jenes
Naturgeschichte, dieses Geographie, und Hamdallah Mestufi, der
Verfasser der auserwählten Geschichte und der bessten
persischen Erdbeschreibung, so dass persische Natur- und
Völkergeschichte, Erd- und Ortsbeschreibung keiner persischen
Stadt mehr verdanken, als dem reichbegabten gesellschaftlichen
Kaswin. |