Zweites Buch
Keitbuka belagert die Schlösser der Assassinen.
Keitbuka der Dschelaire war mit dem Vortrabe des Heeres
gleich nach dem Kurultai, auf welchem der Feldzug nach Westen
beschlossen worden, gegen Kuhistan aufgebrochen und mit
fünftausend Fussgängern in Kuhistan, d. i. im Gebirgslande der
Assassinen, an den Fuss des Schlosses Girdkjuh, d. i.
Kreisberg, einer ihrer beträchtlichsten Festen, gelangt.
Girdkjuh, auch Derikunbed, d. i. das Gewölbthor, genannt,
liegt drei Farasangen von Demghan in der Landschaft Kumis in
der Nähe von Manssurabad oder Manssurije. Die Belagerungsweise
war eine neue, vordem und seitdem unerhörte, ächt mongolische
oder chinesische; rund um das Schloss wurde ein Graben
gezogen, hinter demselben eine Mauer aufgeführt, hinter der
Mauer stand das Heer und hinter demselben abermal eine hohe
Mauer aufgebaut, damit es so von vornen als hinten wider
Ueberfälle geschützt und auf allen Seiten der Weg zur
Feldflucht gesperrt sei; so war das Bergschloss von einem
dreifachen Kreise, dem des Heeres und der beiden Mauern,
umzüngelt, und verdiente im eigentlichsten Sinne den Namen
Kreisberg. Da das Schloss festhielt, zog er mit
Truppenabtheilungen nach den anderen Schlössern, von denen die
Geschichte dieses Feldzugs ein Dutzend nennt, von denen nicht
nur bisher auf den bessten Karten keine Spur, sondern deren
Namen sogar in den bessten geographischen Werken des
Morgenlandes über Persien, in den arabischen Abulfeda's, dem
persischen Hamdallah Mestufi's und im türkischen Hadschi
Chalfa's, der aus beiden geschöpft, fehlen. So zog er
belagernd vor die Schlösser Mehrin, vor dem er Wurfmaschinen
aufstellte, Schahdis, wo er einen Haufen von Feinden tödtete
und zurückkehrte bis Tarim und Rudbar, die er verwüstete, an
den Fuss von Manssurije und Ohlomischin, wo durch achtzehn
Tage gekämpfet ward; die von Schirkjuh machten indessen einen
nächtlichen Ueberfall, in welchem sie den Belagerungswall
verheerten. Die beiden Schlösser Schir und Sirkjuh wurden
berennt, Mehrin genommen; die Besatzung von Girdkjuh hatte
indessen an Alaeddin Mohammed, den Grossmeister, Wort gesandt,
dass trotz der tapferen Vertheidigung sie sich würden bald
ergeben müssen; da sandte der Grossmeister zwei seiner
Hauptleute mit hundert zehn Tapferen, jeden mit drei Menn
Henna und drei Menn Salz, an welchem das Schloss Mangel litt;
das Henna nicht zum gewöhnlichen Gebrauche der Bartfärbung
oder Nägelschminke, sondern als Mittel wider die grassirende
Pest; denn man hatte bei der Hochzeit der Tochter eines Emirs
die Erfahrung gemacht, dass alle, welche (ob Wassermangels)
von dem Wasser, worin das Henna aufgelöset worden, getrunken,
von der Pest frei geblieben waren. Indessen ward Alaeddin der
Grossmeister, dessen Vater und Nachfolger vor Einem Jahre
durch die nächsten Verwandten vergiftet worden, durch den
Meuchler Hasan von Masenderan und hierauf der Mörder selbst
auf Befehl Chorschah's, des Sohnes und Nachfolgers Alaeddin's,
getödtet.
Der Vatermord rächte den Vettermord; der Meuchler ward
gemeuchelt. Alaeddin war als zehnjähriger Knabe auf den
Herrscherstuhl gesetzt worden, den er durch vier und dreissig
Jahre mit Blut und Gräueln aller Art befleckte. Hasan aus
Masenderan hatte ihm, bis sein Bart grau zu werden anfing, zum
Lotterbuben gedient, dann hatte er ihm eine seiner Sklavinnen
geschenkt; da er aber nichtsdestoweniger den Mann und das Weib
in beider Gegenwart, diese an jenes statt, jenen als diese, zu
misbrauchen fortfuhr, ergrimmte Hasan über so schändlichen
Misbrauch des Herrschergelüstes und schwur ihm den Tod; er
theilte sein blutiges Vorhaben jedoch dem mit dem Vater stets
entzweiten Sohne mit, und als dieser dazu schwieg, führte er,
unter vorausgesetzter stillschweigender Beistimmung, das Werk
der Rache aus. Der Dichter Schemseddin Ejub Tausi verfertigte
auf den Tod Alaeddin's ein Gedicht, woraus die Verse:
Der Todesengel trug ihn zu der Hölle Strafen,
Um in
geschmolznem Pech den Rausch dort auszuschlafen;
Entgegen
kamen ihm der Hölle Feuerschenken,
Um als Gefährten ihn mit Gluthenschwall zu tränken.