Zweites Buch
Könige Gross- und Klein-Armenien's.
Der König Klein-Armeniens, Hethum I., welchen die Araber
Hatim, die Kreuzfahrer Haithon nennen, hatte sich bei der
Thronbesteigung Mengku's über Kipdschak in das Hoflager des
grossen Kaan's zu Karakorum und nach einer Abwesenheit von
sechzehn Monaten wieder in seine Staaten zurückbegeben. Mit
goldener Krone gekrönt, mit goldenem, geweihtem Scepter in der
Hand auf hohen goldenen Thron gesetzt, füllte er denselben
fünf und vierzig Jahre mit umsichtiger Klugheit, sein Schiff
durch den Fluthenschwall ungeheuerer Heeresmacht und die
Klippen der Scheelsucht der Könige Georgien's glücklich
durchsteuernd. Wenn seinem Vetter, dem genannten Hethum
gleichnamiger Mönch, Geschichtschreiber, Glauben beizumessen
wäre, hätte Mengku seinem Vetter König sieben vorgetragene
Begehren gewährt, aber das angebliche, als Gewährung des
ersten Begehrens gegebene Versprechen Mengku's, sich taufen zu
lassen, verdächtigt auch die Gewährung der anderen sechs
Artikel. Vor ihm war schon sein Bruder Sempad, der Connetable
Armenien's, in's Hoflager gezogen, und ward nun zum zweitenmal
dahin gesandt, um Schutz wider die georgischen Fürsten aus der
Familie Awak anzuflehen, welcher, wie Arghun dem mongolischen
Statthalter, dem Sempad nach dem Leben gestrebt, die Länder
seines Bruders Hethum verwüstet. Bald nach Sempad's Abreise
ward auch Arghun in's Hoflager berufen, um unter der Anklage
von Erpressungen über seine Verwaltung Rechenschaft zu geben.
Sempad fand ihn dort durch den Einfluss seiner Feinde
Sewindsch und Scherefeddin eingekerkert, welche Arghun's Tod
suchten, um seine Stelle zu erhalten. Das Zeugniss Sempad's zu
Gunsten der Verwaltung Arghun's rettete diesem das Leben; die
Ankläger wurden hingerichtet, Arghun und Sempad kehrten nach
Armenien und Georgien zurück. Arghun brachte neue Einrichtung
des Steuerwesens mit sich, das bisher unverhältnissmässig mehr
auf den Armen, als auf den Reichen gelastet hatte. Von nun an
waren die Reichen mit fünfhundert Dinaren, die Armen nur mit
Einem besteuert. Arghun, dankbar gegen seinen Vertheidiger
Sempad, unterstützte ihn wider seine Feinde, die georgischen
Prinzen aus dem Hause Awak, von denen David, der Sohn der
Königin Russadan, sich wider die Mongolen empörte. Hulagu
sandte wider ihn ein aus Mongolen und Moslimen
zusammengesetztes Heer, von dem er geschlagen ward. Arghun
verfügte sich nach Tebris, um über die Zustände Georgien's zu
berichten. Als Arghun nach Tiflis zurückkehrte, hatte sich
David zum zweitenmale empört, weil die Entrichtung des
verspäteten Tributs gefordert worden. Sowohl Sempad, der
Orpeliane und Herrscher von Grossarmenien, als Hethum, der
Herrscher von Kleinarmenien, dem cilicischen Reiche, erhielten
sich als Vasallen mongolischer Herrschaft auf ihren
Fürstenstühlen, Dank dem Schutze der ersten Gemahlin Hulagu's,
der grossen Frau Tokus, welche eine eifrige Christin, durch
deren Einfluss nach Bagdad's Eroberung der Patriarch der
Nestorianer den Palast des kleinen Diwitdar zum Sitze des
Patriarchats erhalten hatte. Nur zu Tekrit siegten die
Moslimen über die Christen, wo wegen Verheimlichung von Gütern
hingerichteter Moslimen auf Befehl Hulagu's allgemeines
Gemetzel der Christen stattfand. Die Blutvesper von Tekrit
ausgenommen, hatten sich die Christen mittels des Schutzes der
Frau Tokus nur günstiger Behandlung von Hulagu zu erfreuen,
namentlich Hethum, der Pagratide, Herr von Kleinarmenien, und
der von Grossarmenien, der Orpeliane Sempad. Die Residenz des
ersten war die Stadt Ain; am Zusammenflusse zweier Ströme, die
in den Araxes münden, gelegen, zählte sie im eilften
Jahrhundert hunderttausend Einwohner und tausend Kirchen; die
Residenz des zweiten, Sis, in Cilicien an einem kleinen
Flusse, der sich in den Dschihan ergiesst, der Sitz des
armenischen Patriarchen. Der Pagratide Hethum und der
Orpeliane Sempad standen beide bei Hulagu als treue Vasallen
in Gnaden, der erste musste ihm das Holz zu seinen Bauten am
Alatagh liefern, dafür konnte er ungehindert kostbare
Reliquien in Gold und Silber fassen; so die Hirnschale des
heil. Gregor des Erleuchteten aus dem Kloster bei Kaghseman,
das zwischen Karss und Pasin am Durchbruche des Araxes
zwischen geklüftetem Gebirge, und den Schädel S. Gregor's des
Wunderthäters, den er der berühmten Kirche von Norevanch
schenkte. Hethum, schon durch die Lage seines Königreichs
ferne dem Hulagu und näher den Kreuzfahrern, als der nördliche
Herrscher Grossarmenien's, war mit den angesehensten Fürsten
der Kreuzfahrer durch Vermählung seiner Töchter (mit dem
Fürsten Antiochien's, Sadan, und dem Herrn von Ibelim)
verschwägert. Von seinen Söhnen fiel der jüngere, Toros, im
Kriegsdienste Hulagu's im syrischen Kriege wider den Sultan
der Mamluken, sowie hernach Purthel, der Neffe Sempad's, im
Feldzuge Hulagu's wider Kipdschak in der Schlacht am Terek
blieb. Die christlichen Herrscher Gross- und Klein-Armeniens
waren also treuere Vasallen des Ilchan's, als die moslimischen
Gross- und Klein-Luristan's, und es darf nicht Wunder nehmen,
wenn durch die Namensähnlichkeit der Pagratide Hethum in den
Geschichten der Araber als ein zweiter Hatim (das arabische
Muster von Freigebigkeit und Grossmuth) und der Orpeliane
Sempad (als ein zweiter Sindbad, der berühmte Reisende der
arabischen Mährchen) durch seine Reisen in's mongolische
Hoflager figurirt. |