Zweites Buch
Mostadhi und Nassirlidinillah.
Mostendschid's Sohn und Nachfolger, Mostadhi, d. i. der
Erleuchtung Suchende, schritt während seiner neunjährigen
Regierung auf dem von seinem Vater, während seiner
eilfjährigen, betretenen Pfade fort. Dem Gründer der Grösse
des Hauses Ejub, dem grossen Ssalaheddin, welcher der
Herrschaft der Chalifen Nebenbuhler in Aegypten ein Ende
gemacht und das Kanzelgebet wieder auf den Namen der Chalifen
aus dem Hause Abbas übertragen, sandte er Ehrenkleider und ein
höchst ehrenvolles Diplom mit glänzenden Titeln und
Geschenken. So ward nun wieder in Aegypten und Arabien der
Chalife Bagdad's von den Kanzeln als der rechtmässige erkannt.
Grössere Kräfte, als unter den nur zwei Jahre füllenden
Regierungen Mostendschid's und Mostadhi's, sammelte das
Chalifat unter der sechs und vierzigjährigen
Nassirlidinillah's, d. i. des Helfers der Religion Gottes,
welchem bald nach dem Antritte seiner Regierung die Freude
ward, dass nach dem Sturze der Beni Omeije in Spanien nun auch
dort von den Herrschern aus der Familie Abdol Mumin das
Kanzelgebet auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas
verrichtet ward, eine frohe Botschaft, welche so, wie unter
Mostadhi die von der Veränderung des Kanzelgebetes in Aegypten
und Arabien, zu Bagdad mit Freudenfesten gefeiert ward.
Während Ssalaheddin die heilige Stadt der Herrschaft der
Christen entriss, eroberte der Chalife die am Euphrat
gelegenen Schlösser Aana und Hadise wieder dem Reiche zurück,
das sich nun wenigstens wieder über den grössten Theil
Mesopotamiens, von den Ufern des Tigris bis an die des
Euphrats, und über Chusistan erstreckte, dessen Schlösser der
Wesir Ibnol aththar wieder der Macht des Chalifen unterwarf.
Den Triumph Nassir's vollendete der gänzliche Ruin der
persischen Seldschuken, vormaligen Schirmvögten, indem Sultan
Tekesch der Chuaresmschah den Kopf des von ihm besiegten
letzten persischen Seldschuken Toghrulschah dem Chalifen nach
Rei sandte, wo derselbe an der Moschee als Trophäe aufgehangen
ward. Den Gesandten des Sultans, welcher die Vogtschaft
Bagdads, welche jetzt die Seldschuken besassen, nun für sich
begehrte, entliess er ohne Antwort. Chuaresmschah stellte, um
die Weigerung zu rächen, das auf den Namen Nassir's
verrichtete Kanzelgebet ab und ernannte sogar einen
Gegen-Chalifen in der Person des Seid Alaeddin von Tirmid, dem
er als Chalifen huldigen liess. Nassir sandte, um den Sultan
auf bessere Gesinnungen zu bringen, den grossen Scheich
Schihabeddin Suhrwerdi, der ihn zu Hamadan traf. Der Sultan
empfing ihn verächtlich, indem er ihn nicht einmal
niedersetzen hiess; und als der gelehrte und beredte Scheich
in einer langen Rede die Stellen der Ueberlieferung zu Gunsten
des Hauses Abbas und die Herrschertugenden Nassir's gepriessen,
antwortete der Sultan: Alles dieses passt nicht auf Nassir;
ich ziehe nach Bagdad, um dort einen, der wirklich alle von
dir hergezählten Eigenschaften besitzt, als Chalifen
einzusetzen. Er rückte gegen Bagdad vor, welches Nassir noch
vor kurzem mit einer Mauer umfangen hatte, welche die Stadt
wohl schwerlich vor der Uebermacht des Sultans gerettet hätte.
Diesen bewog ein ungeheures Schneegestöber zum Rückzuge,
indem, als er nach Holwan gekommen, es zwanzig Tage
ununterbrochen schneite, so dass der Schnee so hoch als die
Zelte, das Heer durch ungeheueren Verlust an Menschen und
Thieren schwächte. Diese Naturbegebenheit war für Bagdad
erfolgreicher, als einige andere frühere ausserordentliche
Erscheinungen; diese waren der Verein der sieben Planeten im
Zeichen der Wage, woraus die Astronomen ungeheuere Orkane für
die Nacht der Vereinigung vorausgesagt; in derselben herrschte
aber so grosse Windstille, dass die Lampe auf der Sternwarte
in freier Luft unausgelöscht brannte, zu grosser Beschämung
der Astronomen. Sechzehn Jahre hernach flammte eine ganze
Nacht voll fallender Sterne, die nach allen Richtungen hin und
herschossen, eine Erscheinung, die durch ähnliche in unseren
Tagen genauer beobachtete beglaubigt wird. Nassir hatte den
Chalifenpalast zu Bagdad abbrechen lassen, aber ausser der
Stadtmauer viele Moscheen und Medreseen und ein Speisehaus für
die Armen gebaut; die erste Anstalt dieser Art, welcher die
Geschichte des Islams erwähnt. Nassir war ein besonders in der
Ueberlieferung gelehrter Fürst und hinterliess über dieselbe
ein Werk, das den Titel: Geist des Erkennenden führt; aber
Nassir war auch ein harter, habsüchtiger Fürst, dessen Gier,
Schätze zu sammeln, keine Gränzen kannte, der die Unterthanen
durch Gelderpressungen drückte und das Heer der Finanzbeamten
noch mit einem Heere von Ausspähern vermehrte. Von den
Kanzeln, wo ehe für die Chalifen des Hauses Omeije in Andalus,
dann für die des Hauses Fatima in Aegypten als Chalifen
gebetet worden, wurde nun das Kanzelgebet wieder auf den Namen
Nassir's verrichtet, so auch in Hidschas und Jemen, in
Chorasan und Masenderan und in Indien auf den Namen Nassir's,
als des einzigen rechtmässigen Chalifen des Islams. |