Zweites Buch
Moteaassim.
Moteaassimbillah, d. i. der an Gott Festhaltende, der Sohn
Mostanssir's, der sieben und dreissigste und letzte Chalife
des Hauses Abbas, bestieg den Thron, den er sechzehn Jahre
gefüllt, im dreissigsten seines Alters; ein prachtliebender,
grossthuender, schwacher Fürst, doch nicht ohne löbliche
Eigenschaften und Werke. Ein Hafis, d. i. Bewahrer des Koran's
(wie Alle heissen, welche denselben auswendig wissen), war er
den Gesetzgelehrten geneigt und baute für dieselben, nach
seines Vaters Beispiel, eine hohe Schule, gegenüber dem
Grabmale des Scheich's Karchi, so nach dem, vorzüglich von
Schiiten bewohnten Stadtviertel Bagdad's genannt, welche aus
vier Medreseen für die vier Ritus des Islam's bestand. Im
dritten Jahre seiner Regierung erschien ein mongolisches Heer
in der Nähe von Bagdad, von wo es zu Baakuba durch den kleinen
Diwitdar (Staatssekretär) zurückgeschlagen ward. Dieser
Vortheil vermehrte den Dünkel Moteaassim's, unter welchem das
Ceremoniel des Hofes von Bagdad auf einen bisher nie gehörten
Grad getrieben ward. Die Schwelle des Thronsaales war ein
schwarzer Stein, welchen Alle, selbst Gesandte und Fürsten,
die ihre Belehnung empfingen, nicht ausgenommen, sich
unterwerfend küssen und dann den schwarzen Schleier, welcher
dem daranstossenden Fenster vorgezogen ward, wie den Vorhang
des Heiligthums der Kaaba verehren mussten. Medschdeddin
Ismail, der Gesandte des Atabegen Ebubekr Ben Segi, unterwarf
sich dem vorgeschriebenen Ceremoniel, legte aber einen kleinen
Koran, den er in der Hand verborgen, auf die Schwelle und
küsste deren statt den Koran. Wann Moteaassim ausritt, sass er
auf hohem Rappen, schwarz verschleiert mit schwarzem Turban,
dessen Enden über die Schultern zurückflogen, von vierzig
schwarzen Leibwachen umgeben; der Rappe war mit goldenem
Halsband und edelsteinbesetztem Zügel und Bügel geschmückt,
und wann ihn der Chalife bestieg, erscholl der Siegesruf,
dessen Worte aus Koranstexten zusammengesetzt: „Gott mache das
Gute zum Stirneknoten des Pferdes und binde es an seine
Mähnen; er mache die Füsse desselben weiss durch Erreichung
aller Begehren; er wolle dem Laufe desselben mit losgelassenen
Zügeln alle Sicherheit gewähren, die Eroberungen sollen seinen
Wettlauf am Ziele kennen und das Heil des Erfolgs seine Zügel
dehnen!“ Alle moslimischen Fürsten erhielten den Titel
rechtmässiger Herrschaft einzig von dem Belehnungsdiplome
Moteaassim's, welche derselbe mittels Gesandten ertheilte, die
nebst dem Diplome der Investitur, Kaftan, Turban, Fahne,
Schwert, Ring und ein Maul mit goldbeschlagenen Hufen und
juwelengestickter Satteldecke zum Geschenke brachten. Der
Gesandte vollzog nun ein Paar Tage nach seinem feierlichen
Einzuge in die Residenz des Sultans oder Emirs die Investitur,
indem er dem Fürsten den Kopfbund aufsetzte, den Ring
ansteckte, das Diplom vorlesen liess und ihm dreimal
wiederholte: Sei gerecht und übertrete das Gesetz nicht; dann
erst ward ihm erlaubt, den Thron zu besteigen, und erst,
nachdem er den Thron bestiegen, ward er für würdig erachtet,
dem vom Chalifen gesandten Maul in Gegenwart des ganzen Hofes
den goldbeschlagenen Huf zu küssen. Der Gesandte warf Geld aus
und begleitete den Sultan, der nun unter einem über seinem
Kopfe emporgehaltenen Sonnenschirme die Stadt durchritt. Wann
immer ein Gesandter des Chalifen an den Hof des Sultans kam,
ward sein Maul bis in den Thronsaal geführt und ein Vorhang
niedergelassen; der Sultan musste vom Throne steigen, hinter
dem Vorhange den Huf des Maulthieres küssen, worauf er mit dem
vom Chalifen gesandten Ehrenkleide erst wieder den Thron
bestieg. Die Insignien der Investitur von Seite des Chalifen
waren also: Kaftan, Turban, Schwert, Ring, Fahnen,
Sonnenschirm und der Huf des Maulthiers. Krone, Mantel,
Schwert, Ring, Fahne finden sich auch als Insignien der
Investitur fürstlicher und kirchlicher Würden im europäischen
Mittelalter; nur an die Stelle des Hufes trat das Horn, mit
welchem dänische und angelsächsische Könige ihre Vasallen
belehnten. Das Heer Moteaassim's war hunderttausend Mann
stark, von denen die Hälfte vom Diwan aus besoldet; der
Befehlshaber desselben, Suleimanschah, welchen der Dichter
Esireddin Umani in Lobgedichten gepriesen. Die innere
Verwaltung besorgten die beiden Diwitdare (Tintenzeughalter),
d. i. Staatssekretäre; die Geschäfte des Hofes leitete der
Scherabdar, Mundschenk, aber die Summe der Regierung war in
den Händen des Wesirs Moejededdin Mohammed Abdolmelik
El-Alkami, ein ausgezeichneter Gelehrter in Prose und Poesie,
in Ueberlieferungs- und philosophischen Wissenschaften gleich
gewandt, der Chalife aber selbst dem Wohlleben und
Sinnengenusse ergeben. Die nächsten Hebel seines Verderbens
waren von innen der Wesir Alkami, von aussen der grosse
Astronome Nassireddin, der sich im Geleite Hulagu's befand. |