Zweites Buch
Neue Periode des Chalifats; Mostendschid.
Die Periode der Unabhängigkeit der Chalifen von dem seit
Mesud's Tode abgeschüttelten Joche der seldschukischen
Vogtschaft ist in keiner der bisherigen europäischen
Geschichten des Chalifats gehörig hervorgehoben, kaum mit ein
Paar Worten über den Charakter der Gemahlin Moktefi's
angedeutet worden; diese, welche Taus, d. i. Pfau, hiess,
flösste ihrem Gemahle den hohen Sinn und den Muth ein, sich
von der schmählichen Oberherrschaft der Türken, unter denen
die Chalifen durch drei Jahrhunderte geschmachtet, loszusagen.
Das letzte Jahrhundert der Dauer des Chalifats war also ein
für dasselbe ehrenvolleres, als die drei verflossenen, indem
die letzten sechs Chalifen keine Obervogtschaft anerkannten
und selbst ihre Heeresmacht wieder zu einer Höhe brachten,
wodurch sie in den Stand gesetzt wurden, nicht nur die
Anmassungen der Chuaresmschahe auf gleiche Vogtschaft
zurückzuweisen, sondern sogar Empörungen niederzuschlagen und
ein Paar dem Chalifate längst entrissene Landschaften
demselben wieder einzuverleiben. Die Ursache des gänzlichen
Ruines des Chalifats ist, ausser der Alles vor sich in den
Staub tretenden Uebermacht der Mongolen, hauptsächlich die
Unterthänigkeit des letzten Chalifen aus dem Hause Abbas,
welchem, wenn er in die Fussstapfen seiner fünf unmittelbaren
Vorfahren, und namentlich in die Nassirbillah's, getreten
wäre, es wohl hätte gelingen können, die Macht der Mongolen
von den Mauern Bagdad's zurückzuschlagen, wie diess ein
Paarmal seine Vorfahren mit Muth und gutem Glück gethan. Die
Periode der vorletzten fünf Chalifen gehört, wenn nicht unter
die schönsten Zeiten des Chalifats aus dem Gesichtspunkte des
Glanzes und der Macht, doch unter die bessten und
ehrenvollsten Tage desselben, aus dem Gesichtspunkte äusserer
Jochentlastung und Unabhängigkeit und innerer Ruhe und
Sicherheit betrachtet. Der Zeitraum der fünf und achtzig
Jahre, welche unter den vorletzten fünf Chalifen verflossen,
kann mit einigem Fuge dem Zeitraume der neun und achtzig
verglichen werden, in welchem Rom unter der Herrschaft
Trajan's, Hadrian's und der Antonine aufathmete, das vorige
Weltreich wieder einigen Ansehens, die Menschheit wieder
einiger Ruhe genoss. Der Name Mostendschid, der mehrere
Bedeutungen hat, kann in zweien dieser Bedeutungen für den
geschichtlich bezeichnenden seiner Herrschaft gelten.
Mostendschid heisst sowohl der einen Vertheidiger Suchende,
als ein nach überstandener Krankheit seine Kräfte Sammelnder.
Er hoffte in dem syrischen Atabegen einen Vertheidiger des
Chalifats zu finden; eine Hoffnung, die nicht durch Nureddin,
der selbst mit dem ägyptischen Chalifen im Kampfe lag, wohl
aber unter Ssalaheddin, dem ersten Herrscher des mächtigen
Hauses Ejub, unter Mostadhir, dem Nachfolger Mostendschid's,
durch den Sturz des Chalifen Nebenbuhlers in Aegypten und
durch die Uebertragung des Kanzelgebetes von ihrem Namen auf
den der Familie Abbas einigermassen erfüllet ward.
Mostendschid, ein gerechter, gebildeter und energischer Fürst,
hob die von seinem Vorfahrer zum Ruin des Handels eingeführten
drückenden Stempelgefälle auf, verbot die scholastischen
Vorlesungen über metaphysische Werke und entriss den Händen
der Beni Mesud die der Stadt des Heiles so nahe gelegenen
Hille, Kufa und Enbar. |