Zweites Buch
Rückblick auf das Chalifat.
Hulagu befand sich Ende Aprils zu Denna drei Monate
hernach zu Hamadan; in der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche
sandte er einen Gesandten an den Chalifen von Bagdad mit der
Aufforderung von Unterwürfigkeit und dem Vorwurfe, dass die
zur Besiegung der Assassinen angesprochene Hülfe nicht
geleistet worden. Doch ehe wir die Begebenheiten der zwischen
dieser Aufforderung und dem Sturze des Chalifats verflossenen
fünf Monate erzählen, fordert geschichtlicher Zusammenhang den
Rückblick auf die letzten Zeiten des sinkenden Chalifats, das
unter den Beni Abbas nun bereits durch fünf Jahrhunderte
gedauert. Ohne diesen Rückblick auf die ersten und letzten
Ursachen des Sinkens und gänzlichen Verfalls würde es
unmöglich sein, zu begreifen, wie der durch fünf Jahrhunderte
aufrecht stehende Thron des Chalifen in fünf Monaten
zertrümmert ward. Der Wurm hatte schon lange an dem
Herrscherstabe des Chalifen genagt, ehe derselbe und das
darauf gestützte Schattenbild der Herrschaft zu Boden fiel.
Von innen zerrissen das Reich die Partheiungen der Sunni und
Schii und die Anführer der türkischen Leibwachen, mit denen
sich schon der achte Chalife Moteaassim in der Hoffnung
umgeben, durch dieselben den Thron zu schützen, die aber statt
Vertheidiger Empörer, von Sklaven sich zu Sultanen
emporschwangen. Von aussen erschütterten und zertrümmerten das
Reich die mit dem Schwerte den Islam reformirende Secte der
Karmathen und die überall emporsteigenden Dynastien, von denen
alle den Titel der Herrschaft den durch Gewalt abgenöthigten
Diplomen des Chalifen dankten, von denen aber die mächtigsten,
wie die Beni Hamdan und Beni Buje, um die Oberherrschaft über
den Chalifen buhlten, und desshalb im beständigen Kriege mit
dem Emirol-umera, d. i. dem Fürsten der Fürsten, dem Hausmeyer
des Chalifats, bis sie den Titel desselben sich selbst
angeeignet. Kaum ein Jahrhundert war seit der Gründung der
Dynastie der Beni Abbas durch Abdallah es-seffah, d. i. den
Diener Gottes, den Blutvergiesser, verflossen, als schon mit
dem Einflusse der türkischen Leibwachen der Saamen des Unheils
wuchernd aufschoss; ein Jahrhundert hernach unter dem
neunzehnten Chalifen Kahirbillah, d. i. der Rächende durch
Gott, war bereits das Loos der Theilung über das Ehrenkleid
des Chalifats geworfen und die Länder desselben in zwölf
Theile zerstückelt. Heute vor neunhundert Jahren herrschte in
Persien die mächtigste, in vier Zweige getheilte Dynastie der
Beni Buje, in Diarbekr und Dijari Rebia, zu Mossul und zu
Haleb die Dynastie der Beni Hamdan; Chorasan war in den Händen
der Beni Saman, Masenderan und Dschordschan in denen der Beni
Dilem; der südlichen arabischen Landschaften hatten sich die
Karmathen, der südlichen persischen Ahwas und Wasit, die Söhne
Berid's, als Empörer bemächtigt. In Aegypten und Syrien
führten die türkischen Sklaven der Familie Achschid als Herrn
den Titel von Sultanen und zu Bagdad selbst den des Fürsten
der Fürsten. Zwei Dynastien der Beni Sijad regierten zu Sebid
in Jemen und die anderen in Taberistan; in Kufa die Beni Thaba
Thaba aus der Familie Ali und die Beni Ochaissar in Hidschas.
Den Titel und die Macht als Chalifen machten den Beni Abbas
die alte Dynastie der Beni Omeije in Spanien und die neue der
Fatimiten in Afrika streitig. So hatten sich Leibwachen und
Sklaven, Sectirer und Empörer, arabische und persische Emire
in das weite Reich des Chalifats von Osten bis Westen getheilt,
und das Gebiet desselben war, wie in der letzten Zeit des
byzantinischen Reichs, fast nur auf das Weichbild der Residenz
beschränkt; was sich innerhalb den weiten Gränzen des
ehemaligen Reichs der Chalifen zutrug, gehört in die
Geschichte der Dynastien, die sich dort erhoben, und nicht
mehr in die des Chalifats, das seit dem Beginne des zehnten
Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung noch durch
vierthalbhundert Jahre seinem Untergange allmählig zusank. |