Zweites Buch
Sahirbiemrillah und Mostanssir.
Der Sohn und Nachfolger Nassirlidinillah's, der Chalife
Sahirbiemrillah, d. i. der Offenbare durch Gottes Befehl, war
vor allen Chalifen aus dem Hause Abbas seines Beinamens werth,
nach dem Zeugnisse der Geschichtschreiber, dass seit Omar
el-assis, dem wegen seiner Frömmigkeit und Gottesfurcht
berühmten achten Chalifen der Beni Omeije, kein Gerechterer
auf dem Chalifenstuhle gesessen. Diesen guten Klang seines
Namens dankt er dem freigebig geschenkten Golde und der kurzen
Zeit seiner Regierung, indem er nur neun Monate lang den
Völkern als ein Muster des Chalifats mehr gezeigt als bewährt.
Er stellte bei seiner Thronbesteigung confiscirte Grundstücke
ihren Eigenthümern zurück, sandte dem Richter der Richter
zehntausend Dukaten zur Bezahlung der Schulden derer, die
desshalb im Thurme sassen, setzte die Kopfsteuer von Jakuba,
welche vormals nur zehntausend Goldstücke betragen, unter
seinem Vater aber auf's Siebenfache gesteigert worden war,
wieder auf die obige Summe zurück, liess von der Gesammtsumme
der Steuern dreimalhundert fünfzigtausend den Unterthanen nach
und vertheilte am Opferfeste hunderttausend Dinare unter die
Gesetzgelehrten und Ssofi; denen, die ihn fragten, warum er
sich so beeile, Gutes zu thun, antwortete er mit Anspielung
auf das vorgerückte Alter von ein und fünfzig Jahren, in
welchem er den Thron bestiegen: Ich gleiche denen, die erst
Nachmittags ihre Buden öffnen und sich also beeilen müssen,
wenn ihr Handel Gewinn tragen soll; hindert mich also nicht in
guter Handlungen Handel. In seine Fussstapfen, als ein
gerechter, freigebiger und gelehrter Fürst, trat sein Sohn und
Nachfolger Mostanssirbillah, d. i. der bei Gott Hülfe
Suchende. Er baute die berühmte, nach seinem Namen genannte
hohe Schule, deren Grösse und Glanz die frühere, vom Wesire
Nisamolmülk zu Bagdad erbaute, bei weitem zurückliess; sie
bestand in vier besonderen Schulen, nach den vier Ritus des
Islams, wo die Rechtsgelehrsamkeit nach den Ueberlieferungen
Ebu Hanife's, Schaafii's, Malik's und Hanbeli's gelehrt ward;
an jeder dieser vier Medreseen waren zwei und sechzig Plätze
für Studenten und zwei für Correpetitoren gestiftet. In vier
Jahren war der Bau vollendet; am Tage der Eröffnung besuchte
der Chalife mit allen Richtern und Rechtsgelehrten die Schulen
und vertheilte reiche Geschenke unter die Professoren und
Studenten. Das Seitenstück zur Mostanssirije, d. i. zur hohen
Schule Mostanssir's, war die Kamerije, d. i. die Mondige, eine
am Ufer des Tigris gebaute, reich gestiftete Speiseanstalt für
Dürftige. Seine Wohlthaten strömten vorzüglich den Gelehrten
zu, dieselben überschritten aber das Maass vernünftigen
Staatshaushalts, wenn die folgenden Anekdoten wahr. Jedesmal,
als aus einem mit Gold gefüllten Becken geschöpft ward, rief
er aus: Ach, wann werde ich dich leeren! während sein Vater
jedesmal, als Gold hineinfloss: Ach, wann werde ich dich
füllen! ausgerufen haben soll. Eines Tages, als er von der
Terrasse seines Palastes rund um auf den Terrassen Wäsche
aufgehangen sah und der, was dies bedeute, gefragte Wesir
antwortete, dass es die für das nächste Fest gewaschenen alten
Kleider seien, wunderte sich Mostanssir, dass nicht jeder
seiner Unterthanen sich neues Festkleid anschaffen könne,
liess aus Gold Armbrustkugeln verfertigen und verschoss
dieselben auf die Terrassen der Nachbarn. Wider die Mongolen,
welche unter seiner Regierung bis Meragha vorgedrungen und
Erdebil vom Grunde aus verheeret hatten, brachte er ein Heer
von siebzigtausend Mann auf, von welchem zwar Anfangs die
Mongolen, dann aber die Truppen des Chalifen zu Dakuk, das
seiner Naphthabrunnen willen berühmt, geschlagen wurden.
Im selben Jahre richteten die Mongolen das Blutbad von
Issfahan an, in welchem der grosse Dichter Ismail Kemal von
Issfahan, beigenannt der Vater der Bedeutungen, unter ihrem
Schwerte erlag, wie früher der grosse mystische Dichter
Aththar. Unter Mostanssir's Regierung blühte vorzüglich die
Mystik, und in dieselbe fällt der Tod von vier höchst
merkwürdigen Männern, Säulen der Mystik, des Scheich's
Behaeddin Weled, des Vaters Dschelaleddin Rumi's, des grossen
mystischen Dichters Omer Ibn Faradh, des grossen Scheich's
Schihabeddin Omer Suhrwerdi und des Inders Reten, welcher, der
erste, aus Indien das berauschende Opiat (Haschische) nach
Mittelasien gebracht, dessen sich die Assassinen bedienten, um
ihren todtgeweihten Handlangern die Freuden des Paradieses
vorzuspiegeln, und von dem sie ihren Namen Haschischin, d. i.
die Kräutler, erhielten.