Zweites Buch
Schlösser der Assassinen.
Nach Abzug der Besatzung, nach Vertheilung der Beute,
sandte Hulagu seinen gelehrten Staatssekretär Athamülk
Dschuweini in's Schloss von Alamut, um die Archive und die
Bibliothek zu durchsuchen. Die Korane und einige andere
kostbare Werke wurden bei Seite gelegt, darunter eines,
welches den Titel: Begebenheiten unsers Herrn und Meisters
führte und das Leben Hasan Ssabbah, des Gründers des Ordens,
enthielt, woraus Athamülk in seiner Welteröffnenden Geschichte
die verlässlichsten Nachrichten über denselben gegeben; alle
anderen Werke philosophischen und freigeisterischen Inhalts
über die Lehre der Ismaili wurden den Flammen übergeben. Ob er
dieses Autodafe der Bücher auf Hulagu's Befehl oder aus
eigenem Antriebe veranstaltet, ob, wenn dieser Brand blos sein
Werk gewesen, ihn dazu nur der Feuereifer rechtgläubigen
Islams, oder, wie ihn spätere Geschichtschreiber dessen
beschuldigen, verdammenswerthe engherzige Habgier
ausschliesslicher Gelehrsamkeit bewogen, ist heute zu
entscheiden unmöglich. Er soll nämlich blos die historischen
Werke, die er benutzen wollte, gerettet und auch diese hernach
den Flammen preisgegeben haben, um die Gelehrsamkeit als
Geschichtschreiber zu monopolisiren. Eine ähnliche Anklage
lastet auch auf dem Andenken des grossen Astronomen
Nassireddin und des grossen Arztes Ibn Sina. In welchem
Gelehrtenkopf immer solche Barbarei Eingang gefunden haben
mag, so ist dieselbe doch vom einseitigen Mathematiker und
Arzte oder Philosophen begreiflicher, als vom
Geschichtschreiber, welcher, wenn er seine Quellen, statt
dieselben anzuführen, vernichtet, mit denselben seine
Glaubwürdigkeit zerstört. Zur Ehre des grossen
Geschichtschreibers, Astronomen und Arztes, welche so
ausschweifender und ausschliesslicher Ruhmsucht bezüchtiget
werden, wollen wir glauben, dass der Gedanke davon nicht in
ihrem vielumfassenden Geiste, sondern in dem engeren ihrer
Ankläger Platz greifen konnte. Alamut, d. i. das Adler- oder
Geyernest, auf einem hohen steilen Hügel, nordöstlich von
Kaswin gelegen, bietet noch heute in seinen Ruinen eine lange
Reihe durch Mauern mit einander verbundener Thürme dar, welche
auch dem, der sie, wie Ker Porter, der Maler des persischen
Alterthums, nur von ferne gesehen, als unbezwingbar ins Auge
springen. Der ganze Gebirgsdistrikt zwischen Dilem und Irak,
durch dessen Schluchten der Fluss Schahrud, d. i. der
Königsfluss, sich mühsam den Weg bahnt, heisst Rudbar, d. i.
das Flussland, und zwar das von Alamut zum Unterschiede vom
südlichen, von Lur, in Issfahan's Nähe, welches der Sendrud,
d. i. der lebendige Fluss, durchströmt. Hasan Ssabbah hatte
sich Alamut's halb mit Gewalt, halb mit List bemächtigt, dann
sich vom seldschukischen Sultan Berkjarok das in der Nähe von
Damaghan gelegene Schloss Girdkjuh erbeten, und zwölf Jahre
nach der Besitznahme von Alamut das im selben Thalwege
gelegene feste Schloss von Lembeser. Nebst Alamut, d. i. dem
Geyerneste, Girdkjuh, d. i. dem Gürtelberg, und Lembeser, d.
i. Ruh' im Kopf, waren die festesten Schlösser der Assassinen
(nach den Citadellen der Städte Tun und Kain) in Kuhistan: das
von Meimundis, d. i. die glückliche Feste, aus welcher der
letzte Grossmeister abzog, und Muminabad, d. i. der Bau der
Gläubigen, welches seinen Namen und seine Befestigung
vermuthlich dem vorvorletzten Grossmeister, welcher den
Beinamen des neuen Musulman führte, dankt, dessen Name in der
heutigen Verstümmelung von Meiomend kaum zu erkennen, und
dessen ausserordentliche Festigkeit die Geographie Hamdallah's
anrühmt; so auch die des am Berge Demawend gelegenen Firuskjuh,
d. i. Glücksberg, und das Schloss Dschenabdar oder Kebajed,
welches aber nicht erst von den Assassinen, sondern vom Sohne
des altpersischen Helden Guders befestigt worden sein soll. |