Zweites Buch
Wesire Verräther; Religionssecten; Ueberschwemmungen.
Am Eingange und Ende dieser vierthalbhundertjährigen
Periode stehen zwei Wesire Staatssekretäre, beide Gelehrte,
beide als Hebel des Verderbens des Reichs von der Geschichte
gebrandmarkt. Der erste, Ibn Mokla, der Verbesserer der
arabischen Schrift in ihrer schönsten, gefälligsten Form des
Neschi, der dreimal den Koran abgeschrieben, dreimal die
Wesirschaft verwaltet, dreimal Heere befehligt, dreimal die
Pilgerreise vollzogen und zuletzt sogar dreimal bestattet
worden, unterhielt verrätherischen Briefwechsel mit Jahkim,
dem türkischen Emire, wie Ibn Alkami, der letzte gelehrte
Wesir des letzten der Chalifen, mit Hulagu; jener die Türken,
dieser die Mongolen rufend. Der zwischen beiden liegende
Zeitraum zerfällt in vier Perioden, in deren erster die
Bujiden, in der zweiten die Seldschuken, in der dritten die
Chuaresmschahe und endlich die Mongolen die mächtigsten
Herrscher Mittel- und Vorderasiens. Wir haben hier nicht die
Geschichte dieser Reiche zu überblicken, sondern nur die des
unter ihrem eisernen Fusstritte tief darniedergebeugten
Chalifats. Die erste Periode der Uebermacht der Beni Buje bis
zum Auftritte der Seldschuken unter Toghrul umfasst hundert
fünf und zwanzig Jahre, die Herrschaft der Seldschuken in
Chorasan und Kerman anderthalb Jahrhunderte, die überwiegende
Macht der Chuaresmschahe unter den beiden letzten grossen
Sultanen derselben, Mohammed Tekesch, die der mongolischen
Herrschaft seit dem Tode Tschengischan's, dreissig Jahre.
Während dieses durch die Uebermacht der Beni Buje, der
Seldschuken, der Chuaresmschahe und der Mongolen
unterdrückten, durch innere Unruhen zerstückten Chalifats
sassen seit dem neunzehnten Chalifen, Kahirbillah, noch
achtzehn sogenannte Schatten Gottes auf Erden als Schatten auf
dem Chalifenstuhle, mit dem Mantel des Propheten angethan, mit
seinem Stabe als Richter die weltliche Herrschaft zum Scheine
und nur noch die geistliche als die Imame des Islams ausübend,
auch diese nicht unbestritten, sondern von Ketzern und
Glaubensreformern vielfach beeinträchtigt, von den Chalifen
der Beni Omeije in Spanien und von denen der Fatimiten in
Afrika in Anspruch genommen. Zuerst entzweite das Chalifat die
zu Bagdad mit gleicher Erbitterung geführte Glaubensspaltung
der Sunni und Schii, wovon jene die Katholiken, diese die
Protestanten des Islams; jene dem Hause Abbas, diese dem Ali's
und folglich allen denen, welche als Verwandte der
Prophetenfamilie auf Herrschaft Anspruch machten, gewogen. Die
für den Thron sowohl als für den Altar gefährlichsten
Religionsneuerer aber waren die Karmathen und Ismailiten,
wovon jene mit dem Schwerte in der Hand als Zerstörer der
Kaaba und Räuber des heiligen schwarzen Steines, als
Mauerbrecher das feste Gebäude des Islams erschütterten; diese
unter dem Schleier geheimer Lehren und Verbindungen die
Grundfeste der Religion untergruben und mit dolchbewaffnetem
Arm schneidende Beweise führten; höchst gefährliche Neuerer
der Lehre, welche den ihnen beigelegten Namen der Mulhad, d.
i. der Freigeister oder Gottlosen, wohl verdienten und welche
nur unter dem tropischen Gewande der Allegorie und Mystik das
Skelet ihrer Grundlehre: Nichts zu glauben und sich Alles zu
erlauben, verlarvten; gefährlicher als die Anhänger Masdek's
unter Nuschirwan, als die Babek's unter den Chalifen Mamun und
Moteaassim, welche offen die Gemeinschaft der Güter und Weiber
predigten, das Scheusal ihrer Grundsätze offen Preis gaben,
während diese es unter dem Schleier ascetischer Uebungen und
philosophischer Lehren im tiefsten Geheimnisse verbargen. Von
der Zeit an, wo unter Kahirbillah die Karmathen und Beridäer
die Länder des Chalifats mit Blut überschwemmten bis zur
letzten Blutüberschwemmung durch die Mongolen, waren die
grossen politischen Unheile des Reichs fast immer gleichzeitig
mit grossen verderblichen Naturbegebenheiten, mit Erdbeben,
Hungersnoth und besonders grossen Verheerungen des Tigris, so
dass die Ueberschwemmung des letzten nur als ein Vorzeichen
einer Ueberschwemmung von Blut galt, ein Glaube an eine
geheime Verbindung physischer und moralischer grosser
Begebenheiten, welche durch die furchtbaren Ueberschwemmungen
des Tigris, welche im Jahre der Einnahme Alamut's statthatte
und nur zu bald durch das Blutbad und den Ruin Bagdad's
bestätigt ward. |