Der Buchstabe Elif
(Ghaselen 1-7)
1.
Von ewig her bin ich des Schah's der Liebe Sclav', o
Seele!
Bin ich des Reichs der Liebe großer Sultan, Seele!
Versage nicht die Fluth
der Huld dem durst'gen Herzen,
Verbrannt im Innern bin ich Anemon', o Seele!
Die Zeit verheeret uns
ob deinem Wuchs, o Seele!
Deßhalb ist blut'ges Herz Erkenntnisschacht, o Seele!
Es kreiset in der Welt
mein Glas wie Baki's Vers,
Wir geben auch das Glas beym Fest herum, o Seele!
2.
Die Wangen sind Krystallen gleichsam;
Die Trennung ist die Hölle gleichsam;
In's Herz fiel Deiner
Wangen Liebe
Wie Mondschein in das Wasser gleichsam;
Es ist mit deiner
Schönheit Zeichnung
Des Herzens Blatt gemahlet gleichsam;
Verweinte Augen sind
beym Feste
Des Grams zwey Flaschen Weines gleichsam;
Sein Maal gefärbt wie
Ambra Baki!
Ist eine Moschusblase gleichsam!
3.
Treulose Welt, weil du mir Unrecht angethan,
Flog meiner Seufzer blauer Rauch dem Himmel an,
Ich weinte Thränen hin
auf deiner Schwelle Stein,
Der Nebenbuhler wischte sie aus Neid hintan.
Nach meinen Seufzern
formt der schlechte Himmel sich!
Steigst du vom Himmel nicht, o Mond! Schau mich doch an!
Mein Auge sieh't nicht,
wenn es nicht schaut die Wangen,
Ich schau die ganze Welt in ihrem Spiegel an;
Es sang zu ihrem Lobe
Baki ein Gasel,
In dessen Spiegel alle Herzenskund'ge sah'n.
4.
Sonnen, wandelnd an des Himmels Plan,
Steht das Betteln an der Thür schlecht an.
Neumond trägt den Ring
zu Deinem Dienst,
Und die Sphären sind Dir unterthan;
Schien' er nicht an
Deiner Thüre Schwelle,
Schiene nimmer ihn die Sonne an.
Nichts sah ich noch
ähnlich Deinem Wuchse,
Schielend sey wer ihn vergleichen kann!
Baki's Worte treten auf
die Sphären,
Wenn ihm Hülfe schenket Gott fortan.
5.
Unglück ist es, solche Schönheit zu umfangen,
Unglück, nach so süßen Lippen zu verlangen;
Mit den Locken deckt
das Maal der Schelmische,
Nur der Ost allein kam diesen Weg gegangen;
Gluth des Weines brennt
auf Seinen Wangen,
Ist der Finger Roth* in Flammen aufgegangen?
Freundeslippen geh'n
beym Fest im Kreis;
Soll das Glas denn nicht zu mir gelangen?
Aus dem Herzquell hat
mit Seiner Feder Rohr,
Baki reines Lebenswasser aufgefangen.
* Das Henna, womit die Spitzen
der Finger gefärbt sind.
6.
Deine Qualen, Herrin! trüg' ich gerne,
Wären sie das Loos von meinem Sterne;
Eine Peri bist Du mir
genahet,
Die als Mensch erscheint mir in der Ferne;
Tausend Leben nähm'
ich nicht dafür,
Ein Mahl nur zu schau'n Dich aus der Ferne*.
Anfangs hast Du Treue
mir versprochen,
Du, von der ich jetzt Untreu lerne.
Preisest Du den hohen
Wuchs, o Baki!
Thu'st Du es aus hohem Muthe gerne.
* Ein Mahl nur um den Gau
Deines Wohnorts herum zu gehen,
ist mir lieber als tausend Leben.
7.
Trinkgelag' ist Rosenbeet,
Becher die Rosen für mich,
Das Gluglu der Flaschen ist
Nachtigallwirbel für mich,
Auf der frischen Wange sind
Deine gekräuselten Locken
Hyacinthen, eingefrischt
In dem Krystalle für mich.
Bin ich gleich für stets
berauscht
Von der gekelterten Traube,
Ist doch Deiner Lippen Wein
Neue Begeistr'ung für mich.
Blut'ge Wunden, die aus Härte
Du an dem Kopf mir schlugst,
Sind an meines Turbans Ende
Funkelnde Nelken für mich.
Deine Verse, Baki, sind
Löwe der Bahnen des Wortes,
Und zweyschneid'ge Degen ist
Wahrlich die Feder für mich.